Rezensionen zu Bildung und Gender

  Rezensionen von Jugendbüchern mit Mädchen mit Migrationshintergrund als Handlungsträgerinnen
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  Rezensionen von Kinder- und Jugendbüchern
  Freecards des Vereins EfEU


 

"Geschlechterkonstruktionen in schulischen Handlungsfeldern" (= Gender. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, Heft 1, 7.Jahrgang 2015).

168 Seiten, Barbara Budrich Verlag, 21,90€

Das Themenheft versammelt Forschungsbeiträge der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung und behandelt Prozesse der Konstruktion von Geschlecht durch Schüler*innen, Lehrer*innen und angehenden Pädagog*innen.
Wie die soziale Passfähigkeit von weiblichen Peerkulturen durch Schülerinnen und Lehrkräften hergestellt wird und welchen Einfluss Differenzkategorien – soziales Herkunftsmilieu, Schulform und Ruf der Schule – in Verbindung und Verwobenheit mit Geschlecht haben, analysieren Aktan et al. in ihrem Beitrag „Brave Mädchen“?
Geschlechterkonstruktionen beim Pausenspiel von Grundschulkindern untersucht Eckermann anhand ethnografischer Beobachtungsprotokolle. Er erkennt unter­schied­liche „Aktivierungsgrade“ von Geschlecht: von Dramatisierungen bis zu Mög­lichkeiten, die Kinder nutzen, um (Geschlechter-)Grenzen zu überschreiten. Dass die wissenschaft­lichen Beobachtungspraktiken mitunter selbst Praktiken der Unterscheidung sein können, wird kritisch angemerkt.
Die Befunde zur geschlechtersegregierten Berufswahlen aufgreifend untersuchen Faulstich-Wieland und Schober in einem multimethodischen Forschungsprojekt das fachübergreifende schulische Angebot zur Berufsorientierung in Hamburg. In ihrem Werkstattbericht analysieren sie implizite und explizite Vergeschlechtlichungen sowohl in Unterrichtssituationen als auch in den eingesetzten Berufe-Videos. Ihre Befunde könnten als Grundlage für eine österreichische Bestandsaufnahme herangezogen werden.
Die auf der Karl-Franzens-Universität Graz lehrende Sabine Klinger beschreibt in ihrer auf Gruppen­diskussionen mit Studierenden der Erziehungs- und Bildungswissenschaften beruhenden Studie die Notwendigkeit, diese mit reflektiertem und reflektierendem Geschlechterwissen sowie entsprechenden Handlungskompetenzen „auszustatten“.
(Claudia Schneider )

 

Madubuk, Nkechi (2016): Empowerment als Erziehungsaufgabe - Praktisches Wissen für den Umgang mit Rassismuserfahrungen

152 Seiten, Unrast-Verlag, 12,80€

Nkechi Madubuko thematisiert auf Basis ihrer Studie „Akkulturationsstress von Migranten – Eine Studie zu berufsbiographischen Akzeptanzerfahrungen und angewandten Bewältigungsstrategie“ (2010) und den Erkenntnissen inter­kulturel­ler Psychologie die problematischen Folgen von Rassismus und Ausgrenzungserfahrungen.
Anhand konkreter Beispiele von afrodeutschen Kindern, Kinder aus Sinti/Roma Familien, muslimischen Kindern und jüdischen Kindern beschreibt die Autorin rassistische und diskriminierende Situationen im Alltag und zeigt konkrete Handlungsanleitungen für Eltern im Umgang mit Rassismus in Schulen, Kinder­tagesheimen und im Alltag auf.
In Bezugnahme auf pädagogische und psychologische Ansätze stellt Madubuko verschiedene Elemente von Empowerment („Selbstermächtigung/ Selbstbe­fähigung“) vor: Identitätsfindung, emotionale Distanzierung von Rassismus­erfahrungen, kritisches Denken und Wissen über die Hintergründe von Vorurteilen und Rassismus.
Die Autorin fordert zur Reflexion der eigenen Erfahrungen und des eigenen Umgangs mit Rassismuserfahrungen auf, um Kinder und Jugendliche noch besser als Vertrauenspersonen unterstützen zu können und zeigt auch problematische Verhaltensweisen auf. Zusätzlich zum sozialen Rückhalt, der Liebe, der vorurteilsbewussten Erziehung und der aktiven Gegenwehr der Eltern sieht Madubuko empowernde Jugendgruppen als wichtige „geschützte Räume“, um Erlebtes thematisieren und verarbeiten zu können.
Das Buch ist in leicht verständlicher Sprache geschrieben und richtet sich vorrangig an Eltern, die in Deutschland leben. Es eröffnet aber auch Personen, die im beruflichen Kontext mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, neue Perspektiven und bietet interessante Handlungsvorschläge für die Praxis.
(Elisabeth Auer)

 

Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit (Hg.) (2015): Glossar der Neuen deutschen Medienmacher. Formulierungshilfen für einen diskriminierungssensiblen Sprachgebrauch in der Bildungsarbeit in der Migrationsgesellschaft

60 Seiten, Preis: 3€ Versandkostenpauschale + Portokosten, Bestellungen: www.idaev.de/publikationen/bestellformular
Das Glossar des Vereins „Neue deutsche Medienmacher“ wird seit 2011 für Medienschaffende verfasst und ständig erweitert. 2015 wurde das Glossar erstmals gemeinsam mit dem Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit weiterentwickelt und für den Bereich Bildungsarbeit neu herausgegeben.
Beginnend mit einer Einleitung zur Bedeutung von diskriminierungssensiblem Sprachgebrauch wird in sechs Kapiteln auf folgende Bereiche eingegangen: Wer sind „wir“, wer sind „die Anderen“?, Migration, Kriminalität, Musliminnen und Muslime, Jüdinnen und Juden, Flucht und Asyl.
Das Glossar soll als Gedankenanstoß und als Möglichkeit zur selbstkritischen Reflexion des eigenen Sprachgebrauchs dienen und will auch die Sichtweise von Minderheiten deutlich darstellen und so zu einem Perspektivenwechsel anregen. Die Begriffe sind farblich hervorgehoben, werden aus kritischer Perspektive erklärt und gemeinsam mit empfohlenen Alternativbegriffen dargestellt.
Obwohl den Autor*innen eine geschlechtergerechte Sprache wichtig ist, wird im Glossar meist nur die männliche Form verwendet. Als Begründung wird angegeben, dass damit jene erreicht werden sollen, die keine geschlechtergerechte Sprache verwenden oder verwenden dürfen. Formulierungen im Zusammenhang gesetzlicher Richtlinien beziehen sich nur auf den deutschen Kontext; hier muss der österreichische Kontext selbst ergänzt werden.

Das Glossar ist eine wichtige Handreichung zur Reflexion und Förderung diskriminierungssensibler Sprache, die sich nicht nur zur einmaligen Lektüre eignet, sondern als gutes Nachschlagewerk dient.
(Elisabeth Auer)

 

Wedl, Juliette/ Bartsch, Annette (Hg.) (2015): Teaching Gender? Zum reflektierten Umgang mit Geschlecht im Schulunterricht und in der Lehramtsausbildung.

564 Seiten, transcript Verlag, 34,99€

Der Sammelband richtet sich an Lehrer_innen, Sozialarbeiter_innen, (Lehramts-) Studierende, Wissenschaftler_innen und alle anderen Praktiker_innen und Interessierte im und am Umfeld von Schule und Jugend. In 27 kürzeren, nach Themenfeldern sortierten Artikeln, wird den Fragen nachgegangen, wo, wie und wann in der Schule und in der Lehramtsausbildung Gender eine wichtige Rolle spielt und wie aktuelle Erkenntnisse der Gender Studies in den Unterricht einfließen können. Auf diese eher theoretischen Auseinandersetzungen folgen praxisnahe und konkrete Unterrichtsentwürfe und Strategien zur Einbindung von Geschlechteraspekten in den Schulunterricht in verschiedenen Schulstufen und -formen. Auch für die Integration von Geschlechteraspekten in die Lehramts-ausbildung werden Seminarkonzepte vorgestellt. Der Sammelband wird am Ende mit einer umfassenden Link- und Materialsammlung abgerundet.
Die Autor_innen des Sammelbandes können mit ihren Analysen und Handlungsvorschlägen dabei wichtige Beiträge leisten, stereotypen Vorstellungen und Naturalisierungen von Geschlecht an der Schule entgegenzuwirken und aufzuzeigen, dass ungleiche Geschlechterverhältnisse auch an der Schule (re-)produziert werden. Die vielfältigen und spannenden Methoden, wie z.B. biographie-orientierte und selbstreflexive Seminare in der Lehramtsausbildung oder die Arbeit mit Romanen, Bildern, Theater und Computerprogrammen in der Schule, zeigen auf, wie abwechslungsreich die Beschäftigung mit Geschlechteraspekten sein kann und wie sich diese nicht nur in Gesellschaftslehre, Sachkundeunterricht oder Politik, sondern auch in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik, Musik oder Ethik integrieren lassen.
Der Sammelband „Teaching Gender“ inspiriert mit vielfältigen Methoden und praxisnahen Konzepten zur Integration von Gender in ein breites Fächerspektrum. Eine Leerstelle bildet einzig der Sportunterricht. Die theoretische Hinführung zum Thema bietet auch Menschen ohne viel Vorwissen die wichtigsten Grundlagen der aktuellen Erkenntnisse der Gender Studies. Die einzelnen Artikel fokussieren dabei unterschiedliche theoretische Schwerpunkte. Eine intersektionale Perspektive auf die Verflechtung von Sexismus mit anderen Unterdrückungsmechanismen wie Rassismus oder Klassismus bieten leider nur wenige Artikel – trotzdem ist der Sammelband eine wichtige und bereichernde Weiterführung der Auseinandersetzung mit Geschlechteraspekten in der Pädagogik.
(Lena Deser)

 

Rieken, Ingrid/ Beck, Lothar (Hg.) (2014);  Gender – Schule – Diversität. Genderkompetenz in der Lehre in Schule und Hochschule

176 Seiten, Marburger Schriften zur Lehrerbildung | Band 10, Tectum Verlag, 24,95€

Dieses Buch entstand aus einer Vortragsreihe und einer Tagung der Universität Marburg, wobei der Frage nachgegangen wurde, wie Genderkompetenz in der Ausbildung von Lehrenden – speziell der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) – vermittelt werden kann. Die verschiedenen Beiträge widmen sich Fragen wie: „Welche Gründe gibt es, warum immer noch wenig Frauen in den MINT-Bereichen zu finden sind?“, „Warum ist die Thematisierung von Geschlecht weiterhin wichtig, obwohl es Einwände dagegen gibt?“, „Wie können verstärkt   Mädchen – und nicht-technikaffine Jungen – für die MINT-Fächer gewonnen werden?“
Darüber hinaus werden speziell die Fächer Mathematik, Chemie, Physik beleuchtet, beim Fach Physik geht es auch um die inklusiven und exklusiven Wirkungsweisen des Faches im Vergleich zum Fach Deutsch. In einem Beitrag wird eine Genderqualifizierung für Studierende und für Lehrende der Pädagogischen Hochschule Bern vorgestellt.
Ich greife nun den Beitrag von Anna Mischau und Kati Bohnet „Mathematik ‚anders‘ lehren und lernen“ heraus, weil ich selbst Mathematik Lehramt studiert habe. Die beiden Autorinnen orten weniger in der Mathematik selbst oder bei den Schüler*innen die Ursache dafür, dass Mathematik als unbeliebtes Fach gilt, sondern vor allem in der Vermittlung des Faches Mathematik. Sie vergleichen einen gendersensiblen mit einem guten und sinnstiftenden Mathematikunterricht und betonen die Bedeutung der Lehr- und Lernformen, der Schulbücher und der Interaktionen für einen gendersensiblen Unterricht. Sie geben einen Einblick in die Inhalte eines Proseminars der Freien Universität Berlins und des daraus konzipierten  Workshops, in dem drei Beispiele in Form des Stationenlernens (zu den Themen Primzahlen, Bruchrechnen, Ellipsen) praktisch erfahren werden konnten. Von der Ellipsen-Einheit werden die Arbeitsmaterialien zur Verfügung gestellt und die gendersensiblen Aspekte sichtbar gemacht. Auch wenn das Finden der Ellipsengleichung (wie die Autorinnen selbst schreiben) ohne Hilfe schwer möglich ist, kann ich mir vorstellen, dass die Lerneinheit Interesse für Mathematik weckt und  ihre vielfältigen Bezüge sichtbar macht.
Insgesamt ein empfehlenswertes Buch für Lehramtsstudierende sowie Lehrende an Schulen, Hochschulen und Universitäten.
(Renate Tanzberger)

 

Huch, Sarah/ Lücke, Martin (Hg.) (2015): Sexuelle Vielfalt im Handlungsfeld Schule. Konzepte aus Erziehungswissenschaft und Fachdidaktik

308 Seiten, Transcript Verlag, 29,99€

Basis dieses Buches ist eine interdisziplinäre Vorlesungsreihe „Diversität und sexuelle Vielfalt als Herausforderung für die pädagogische Praxis“ der Freien Universität Berlin 2012/13. Im Teil „Theoretische Grundlagen“ beschäftigt sich Martin Lücke mit Homo¬sexualitäten in den Bildungswissenschaften, Jutta Hartmann bezieht sich auf ihr Konzept der vielfältigen Lebensweisen (und schlägt beispielsweise vor, das Akronym LGBT*I um AQ  zu ergänzen), Hannelore Faulstich-Wieland fragt, welche Chancen Heterogenität bietet, Gudrun Perko stellt das „Social Justice und Diversity Konzept“ vor und Uwe Sielert beleuchtet (nicht nur) historisch sexuelle Vielfalt als Thema der Sexualpädagogik.
Im zweiten Teil wird beispielshaft erläutert, wie sexuelle Vielfalt in einzelnen Unterrichtsfächern (Geschichte, Politikunterricht, Biologie, Physik, Informatik) umgesetzt werden kann. Für jene, die Geschichte unterrichten, gibt es eine Anregung, wie männliche Homosexualität als Teil des historischen Lernens behandelt werden kann (inklusive Quellentexten!). Ein Beitrag zu „Liebe und Sexualität in der Kinder- und Jugendliteratur“ nimmt ebenfalls eine historische Perspektive ein, beschäftigt sich aber auch mit aktuellen Werken (1 ½ Seiten Primärliteratur laden zum Schmökern ein und geben Lehrkräften Anregungen für Klassenlektüre vielfältiger L(i)ebensweisen).
Bei den „weiteren Praxisfeldern“ widmet sich ein Beitrag der Frage, wie sexuelle Gesundheit in der Schule gefördert werden kann. Der Band schließt mit einem Artikel über queere Bildungsarbeit und lädt ein, Geschlecht und Sexualität im Plural zu denken.
Das Buch stellt eine gelungene Mischung zwischen theoretischen Grundlagen und Praxisorientierung dar und gibt Anregungen zum Denken und Handeln. Es wäre sehr wünschenswert, dass dieses Buch bzw. das Thema „sexuelle Vielfalt“ vermehrt Eingang in die Schule findet.
(Renate Tanzberger)

 

Schrupp, Antje/ Patu (2015): Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext

86 Seiten, Unrast Verlag 9,80€

Der kompakte Comic der Journalistin und Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp und der K ünstlerin PATU erzählt auf 85 Seiten die Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext. Er beginnt dabei bei der Antike und endet mit Kapiteln zu Queerfeminismus und dem sogenannten „Third Wave Feminism“. Auf der rasanten Zeitreise durch mehr als 2000 Jahre feministische Geschichte werden einzelne einflussreiche Feministinnen vorgestellt: die Frühsozialistin Flora Tristan, die Wanderpredigerin und ehemalige Sklavin Sojourner Truth, die besonders für den Queerfeminismus bedeutende Theoretikerin Judith Butler oder die Wissenschaftlerin und politische Aktivistin Angela Davis. Feminismus erscheint weder als einheitliche Bewegung noch vereinfacht unterteilt in drei Wellen, sondern als kontroverse und facettenreiche politische und theoretische Bewegung: thematisiert werden viele wichtige Debatten rund um Freie Liebe, das Verhältnis von Gleichheit und Differenz, Hausarbeit und Mutterschaft, die Kritik Schwarzer Feministinnen an der Dominanz weißer, bürgerlicher Perspektiven oder die Institutionalisierung der Frauenbewegung und die Auswirkungen des Gender Mainstreaming. Dabei wird der jeweilige historische Kontext kurz erwähnt, auch wenn aufgrund der kompakten Comic-Form für genauere Erklärungen kein Platz ist. Doch trotz seiner Kürze werden verschiedene Positionen differenziert dargestellt – und durch die Bebilderung und die humorvollen und oftmals ironischen Kommentare kommt keine Langeweile auf. Eine Leerstelle bilden allerdings osteuropäische feministische Kämpfe. Geeignet ist der Comic für alle jugendlichen und erwachsenen Leser*innen, die sich noch nicht (intensiv) mit der Geschichte des Feminismus beschäftigt haben und Lust auf einen kurzweiligen, humorvollen Überblick haben.
(Lena Deser)

 

Schmidt, Friederike/ Schondelmayer, Anne-Christin\ u.a. (Hg.) (2014): Selbstbestimmung und Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Lebenswirklichkeiten, Forschungsergebnisse und Bildungsbausteine.

402 Seiten, Springer Fachmedien 46,25€

Der vorliegende Sammelband tritt mit dem Anspruch an den Themenkomplex sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in einer möglichst breiten Ausformung Raum und Öffentlichkeit zu verschaffen. Dieses Vorhaben kann gerade aufgrund der sehr vielschichtigen Thematik als durchaus gelungen bezeichnet werden. So werden sowohl theoretische Auseinandersetzungen wie Praxisbezüge zu pädagogischen Bearbeitungs­formen erörtert als auch unterschiedliche Lebenswelten und -phasen von der Kindheit bis hin zum Alter in den Fokus genommen. Für die pädagogische Auseinandersetzung hinsichtlich der notwendigen Reflexion der eigenen Herangehensweise kann vor allem der Beitrag von Jutta Pohlkamp empfohlen werden, welcher die grundlegend hetero-hegemoniale Strukturierung in pädago­gischen Settings kritisiert und die Unverzichtbarkeit einer normativitätskritischen Perspektive unterstreicht (S. 75ff.). Wiederum Einblick in – und damit Wissen über – konkrete Lebenswelten von Menschen mit nicht-normativen Lebens­konzepten vermitteln die von Anja Karrasch porträtierten biografischen Erzählungen, anhand derer individuelle Bedürfnisse nach gesellschaftlicher Aner­kennung deutlich werden. Diese kurzen und prägnanten Texte eignen sich sehr gut um unterschiedliche Lebenskonzepte abseits massenmedialer Bilder näherzubringen. Ein gesamtes Kapitel ist der Lebensphase Kindheit, Jugend bzw. Familie an sich gewidmet und darin werden neben Familienmodellen, geschlechter­spezifischen Entwicklungen auch rechtliche, medizinische und mediale Aspekte erläutert. Darauf aufbauend werden vielfältige pädagogische Praxen in den Blick genommen, wobei jedoch der Schule der weitgehend größte Raum gewidmet wird. Dementsprechend wird die Institution und ihre Rahmenbedingungen an sich behandelt aber auch beispielsweise die didaktische Ebene von Schulbüchern als auch von Fachkulturen ausführlich debattiert. Beide Kapitel ermöglichen durch ihre vielschichtigen inhaltlichen Beleuchtungen einen breiten Einblick auf bestehende strukturelle Gegebenheiten und können damit vor allem auch Lehrpersonen uneingeschränkt und unbedingt als Lektüre empfohlen werden. Zur praktischen Anwendung im Unterricht finden sich – nach einem Kapitel zu Alter(n) – noch abschließend konkrete Methoden und Übungen zum Einsatz im Unterricht und anderen pädagogischen Settings um einen Transfer von erlangtem Wissen auch in die eigene pädagogische (Unterrichts-)Tätigkeit methodisch zu erleichtern und zu befördern. Insgesamt kann das vorliegende Werk daher als absolut empfehlenswert bezeichnet werden um eigene Kenntnisse zu der existierenden Vielfalt an sexuellen und geschlechtlichen Wirklichkeiten sowie zu deren Vermittlungs­möglichkeiten fundiert zu erweitern.
(Bärbel Traunsteiner)

 

Schneider, Erik/ Baltes-Löhr Christel (Hg.) (2014): Normierte Kinder. Effekte der Geschlechternormativität auf Kindheit und Adoleszenz

402 Seiten, transcript, 30,90€

Welche Effekte haben Geschlechternormen und Kategorisierungen von Identitäten auf die Erziehung von Kindern und Jugendlichen? Die konventionelle Annahme einer Zweigeschlechtlichkeit führt dazu, dass Kindern geschlechterrollentypisches Ver­halten beigebracht wird, um ihre Geschlechtsidentität herauszubilden. Die Autor_innen gehen den Gründen für diese Vorgehensweise nach, beschreiben die Kluft zwischen den geltenden Normvorstellungen und der Pluralität unterschiedlicher Lebensentwürfe und zeigen den Weg auf zu einer Kultur des Respekts und der gegenseitigen Anerkennung. Erstmals wird die Lebenssituation von Intersex- und Trans-Kindern interdisziplinär aus der Perspektive der Psychologie, der Medizin, der Erziehungswissenschaften, der Politik, der Menschenrechte und der Kunst betrachtet. Die Pluralität der Geschlechter sowie die Komplexität geschlechtlicher Existenzweisen, besonders von Kindern und Jugendlichen, wird deutlich. Innovativ ist, dass sich hier Autor_innen begegnen, die sich als sogenannte Professionelle mit der Thematik befassen und Intersex- und Trans-Personen, die ihre biographische Erfahrung als Wissenschaftler_innen professionell einbringen.
(Claudia Schneider)

 

SFC Schwarze Frauen Community Austria (2014): Meine Traum-Familie.

Illustrationen: Iwona Lapo, 40 Seiten, 17€

„Meine Eltern hören mir nie zu! Ich wünschte ich hätte eine Mutter mit der ich über meine Probleme sprechen könnte … Wenn wir uns eine Familie erträumen könnten, das wäre toll. Wie würde die ausschauen??“ – so beginnt dieses Kinderbuch, in dem es um unterschiedliche Familienkonzepte geht. Vom Leben als Richterin mit Mann und zwei Kindern, dem Wohnen in einem Mehrfamilienhaus gemeinsam mit anderen, dem Leben am Bauernhof gemeinsam mit Mutter, vielen Tieren, zwei Mädchenzwillingen ist ebenso die Rede wie vom Leben auf einer Yacht, in einem Baumhaus oder vom Zusammenleben mit der großen Schwester oder mit mehreren Generationen. Als Lebensorte werden Australien, London, Rio und Irland benannt und nach Nigeria werden die Kinder geschickt, wenn sie älter sind, um dort Igbo zu erlernen. All diese Ideen stammen von Schwarzen Kindern in Österreich, die „in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen werden“. (S. 3) Einen ganz besonderen Reiz des Buches machen die wunderschönen Illustrationen aus, die Farbgestaltung, die Darstellung der Kinder (auch als Erwachsene) in großer Vielfalt. Zwei leere Seiten laden dazu ein, die eigene Traumfamilie zu zeichnen oder zu beschreiben. Ganz am Ende sind noch Kinderzeichnungen abgedruckt – von den Autor_innen und deren Traumfamilien. Einziger Wermutstropfen: dass nur von Freunden und nicht von Freund_innen oder Freundinnen und Freunden die Rede ist.

Das Buch steht dankenswerter Weise hier auch als Download zur Verfügung. Ich würde aber auf jeden Fall empfehlen, das Buch zu kaufen. Das Buch ist im Büro der Schwarze Frauen Community (1150 Wien, Stutterheimstraße 16-18) erhältlich – telefonische Voranmeldung nötig: 01/789061240 oder 0680 / 30 20 517.
(Tanzberger Renate)

 

Ritter, Margaret/ Thorn, Petra (2015): Unsere Familie. Ein Buch für Solo-Mütter mit Wunschkindern nach Samenspende.

Illustration: Tiziana Rinaldi, 46 Seiten, FamART Verlag, 26€

„Wo komme ich eigentlich her?“ – eine Frage, die wohl jedes Kind sich früher oder später stellt. Die Beantwortung dieser wichtigen Frage fällt den Eltern dabei nicht immer ganz leicht, besonders wenn es sich um ein Familien¬modell handelt, das nicht unbedingt der öffentlich-propagierten Norm entspricht. Dieses Buch soll demnach Frauen dabei helfen, die sich ganz bewusst für eine künstliche Befruchtung entschieden haben, ihre Kinder spielerisch bei dieser wichtigen Frage der Aufklärung zu unterstützen. Mit den liebevoll gestalteten Illustrationen von Tiziana Rinaldi soll dem Kind somit aktiv vermittelt werden, auf welchem Wege es gezeugt worden ist. Die Autorinnen widerstehen hierbei jeglichen Versuchungen in das Märchenhafte abzurutschen. In einer kindgerechten Sprache wird die Entstehungsgeschichte des Kindes aufbereitet. Die Seiten 25 und 26 gibt es zweimal: einmal wird auf den Unterschied zwischen einer anonymen und über eine/n Arzt/Ärztin verabreichte Samenspende eingegangen, und einmal auf die Möglichkeit einer privaten Samenspende. Der Mutter wird somit die Möglichkeit geboten, die nicht passende Seite herauszureißen und somit das Buch auf ihre ganz persönlich-individuelle Geschichte abzustimmen. Abschließend finden sich anregende Beiträge von Frauen, die ähnliche Mutterschaftsgeschichten zu erzählen haben (u.a. auch die, der Autorinnen). In diesem Sinne handelt es sich bei „Unsere Familie“ um ein schön gestaltetes Buch für die Allerkleinsten und deren Müttern, das ich hiermit nur wärmstens empfehlen kann.
(Cornelia Lukas)

 

Ela, Michaela (2015): Ich bin ich. Mein Transsexuelles Leben.

hg. von Maria Braig, 123 Seiten, Verlag 3.0 Reihe ubutu, 2015. 12,20€ [als e-Book 4,99€]

„Transen laufen nicht nur in Reizwäsche herum, wollen nicht von morgens bis abends nur F…… Ihr Vokabular beinhaltet nicht ausschließlich >>Huch<< und >>Oh mein Gott<<. Ich möchte mitteilen, dass es auch >>normale<< Transfrauen gibt!“ (S. 15)

Die Geschichte von Micha Ela startet mit dieser „Ansage an die Welt“ (Wortlaut Micha Ela). Gleich zu Beginn möchte sie demnach klarstellen, was sie ihrer Meinung nach mit diesem Buch bewirken möchte, bzw. was es nicht sein soll. Auch Herausgeberin Maria Braig betont bereits im Vorwort, dass es sich hierbei weder um eine Trans*biografie, noch um einen Roman handeln soll. Beim Lesen des Buches hat man tatsächlich das Gefühl, dass es sich dabei mehr um einen Erfahrungsbericht handelt. Micha Elas Bericht beginnt biografisch, nämlich mit ihrer Kindheit. Die/der Leser_in bemerkt schnell: In dieser Geschichte spielt Transsexualität zwar eine große Rolle, aber keine vorrangige. In erster Linie geht es um Micha Ela als individuelle Person, ihren Erinnerungen und Erfahrungen, die nicht immer in Zusammenhang mit ihrer Sexualität oder ihrem biologischen und sozialem Geschlecht stehen. So geht es z.B. um ihre Erlebnisse in einer Pflegefamilie, in der sie unter schwierigen Verhältnissen aufwachsen musste, oder ihrer Leidenschaft und Begabung für das Tanzen. Im Zentrum stehen v.a. Micha Elas Beziehungen zu ihren Mitmenschen, der Familie und Partnern. Je weiter man in der Geschichte der heute 45-jährigen Transfrau voranschreitet, desto mehr bekommt man als Leser_in das Gefühl, dass es sich bei unserer Protagonistin um eine L(i)ebenskünstlerin handeln müsse. Ein Ereignis jagt das nächste: Ständige Job-, Wohnungs- und Beziehungswechsel kennzeichnen diesen Erfahrungsbericht. Aber auch einige Schicksalsschläge musste Micha Ela bereits in ihrem kurzen Leben erleiden, von der Diagnose HIV positiv (welche sie 1988 bekam, in einer Zeit als noch relativ wenig über diesen Virus bekannt war – Anm. der Rezensentin), bis hin zu einem Raubüberfall in einem der Tanztheater, in der Ela arbeitete, oder aber auch einem psychosomatischen Nervenleiden in den Beinen, aufgrund dessen die Frau vier Jahre im Rollstuhl verbringen musste, jedoch nach anstrengender, aber erfolgreicher Physiotherapie wieder das Gehen erlernen konnte. Ihre Erfahrungen als transsexuelle Person werden primär in ihrem Arbeitsleben als Tänzerin sichtbar. Hier beschreibt Micha Ela detailliert, wie sie es arrangiert hat als Frau wahrgenommen zu werden, nicht als Transvestit, der eine weibliche Rolle spielt (wobei auch sie an manchen Stellen zu klischeehaften Vorurteilen neigt). In all ihren Beschreibungen wirkt Micha Ela ehrlich und selbstbewusst, trotz oft schwieriger Lebensumstände. Auf jeden Fall ist ihr mit diesem Buch eines gelungen, denn auf fast jeder Seite wird der_dem Leser_in schnell klar, dass Ela auch nur nach dem strebt, das wir uns alle wünschen: Als genau die Person geliebt zu werden, die man_¬frau ist. Abschließend lässt sich somit sagen, dass „Ich bin ich“ weder Ratgeber noch Anleitung für ein Leben als transsexuelles Individuum sein soll und kann. Es ist eine Geschichte von vielen, ganz unterschiedlichen Lebensweisen und keine gleicht der anderen, selbst wenn im Anhang doch noch Micha Elas ganz spezielle Tipps zu Hormontherapie und Identitätsbildung erläutert werden. So betont sie letzten Endes dennoch ganz bewusst: „Ich passe, sowie ich schon mehrfach erwähnt habe, nicht in das Klischee der >>Transsexuellen<<. Ich bin sehr natürlich, bin einfach ich.“ (S. 111)
(Cornelia Lukas)

 

Braig, Maria (2015): Amra und Amir. Abschiebung in eine unbekannte Heimat.

188 Seiten, Verlag 3.0 Reihe ubuntu, 12,20€ [als e-Book 4,99€]

Amra und Amir sind – wie der Buchtitel vielleicht vermuten lässt – nicht zwei Personen, sondern ein und dieselbe Person. Bis zu ihrem 18. Geburtstag lebt Amra in Deutschland, macht eine Ausbildung als KFZ-Mechatronikerin, übernimmt in ihrer Familie viel Verantwortung (der Vater war gestorben, die Mutter depressiv) und widerspricht typischen Rollenklischees. Mit 18 erfährt sie, dass sie abgeschoben werden soll – in den Kosovo, von wo ihre Eltern geflüchtet waren. Alle Versuche ihrer Freund_innen und ihres Chefs scheitern. Obwohl Amra nie im Kosovo gewesen war und auch nicht Albanisch oder Serbisch spricht, wird sie abgeschoben. Zunächst kommt sie bei ihrem Onkel unter. Sie bleibt aber nicht lange, da sie mit den traditionellen Vorstellungen nicht leben kann. Nun beginnt ein Leben auf der Straße in Priŝtina, das Sammeln im Müll, um zu überleben. Es wird einfacher als sie in einem Auto am Schrottplatz wohnen darf und ab und zu Gelegenheitsarbeiten bekommt. Da sie von anderen Menschen als junger Mann wahrgenommen wird und ihr das auch entgegenkommt, wird aus Amra Amir. Als die beste Freundin und ein guter Freund Amra_Amir besuchen kommen und ein paar Tage mit ihr_ihm verbringen, reift der Gedanke Amra_Amir nach Deutschland zurück zu schmuggeln. Inzwischen erkrankt Amir_Amra schwer. Die Rettung erfolgt durch Haki, eine Burrnesha, die Amir_Amra aufnimmt. Schließlich gelingt die Flucht zurück nach Deutschland und Amir kommt mit seiner besten Freundin zusammen, die die Uneindeutigkeit Amirs_Amras anziehend findet. Das Buch endet mit der abermaligen Abschiebung Amirs und dem Willen Amirs wieder nach Deutschland und zu seiner Freundin zurückzukehren. Ein Buch, das meines Erachtens auch sehr gut als Schullektüre geeignet ist. Schließlich verhandelt es zwei sehr wichtige Themen: die Situation von Menschen, die als illegal betrachtet werden und die Frage der Geschlechtsidentität. Im Nachwort geht die Autorin auf die sich verändernde Gesetzeslage bzgl. der Abschiebung von Jugendlichen in Deutschland ein. Hier wäre es sicher sinnvoll zu recherchieren, wie sich diese derzeit in Österreich darstellt. Das Thema der Geschlechtsidentität wird im Buch nicht nur über die Hauptfigur aufgerollt, sondern auch durch die Burrnesha (albanisch für „kleiner Mann“), eine Tradition, die es vorsieht, dass Mädchen/Frauen als Burschen/Männer leben (z.B., wenn ein männlicher Nachfolger fehlt). Dies könnte z.B. auch der Beginn sein, Schüler_innen recherchieren zu lassen, welche anderen Geschlechterkonzeptionen es gibt (Beispiel: das 3. Geschlecht der Hijras in Indien oder in Juchitán/Mexiko).
(Renate Tanzberger)

 

 

Pohlkamp, Ines (2015): Genderbashing. Diskriminierung und Gewalt an den Grenzen der Zweigeschlechtlichkeit.

421 Seiten, Unrast Verlag, Preis: 24,70€

Die Autorin verortete eine Leerstelle in der Forschung zum Thema Gewalt. Selbst wenn zu homo-sexuellenfeindlicher Gewalt geforscht und die Kategorie Sexualität miteinbezogen wird, wird die Analyse der Kategorie Gender vernachlässigt. Die Autorin interessierte sich daher für die Gewaltwiderfahrnisse geschlechtlich nonkonformer Personen (Transgender, Interqueer, Butch, Crossdresser_in,…). Das Buch fasst – nach einem Theorieteil – die Ergebnisse von 18 Einzelinterviews und einem Gruppeninterview zusammen. Diese wurden in Deutschland zwischen 2007 und 2012 geführt, wobei die Leitfragen waren: Was fällt Ihnen zum Thema Geschlecht ein? Welche Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen haben Sie gemacht, von denen Sie mir erzählen wollen? Welche Strategien nutzen Sie zur Vermeidung von Diskriminierung und Gewalt? Was sind Ihre gesellschaftlichen Utopien? Das Buch ist spannend zu lesen und greift viele Themen auf. Neben den unterschiedlichen Gewaltformen, die geschlechtlich nonkonforme Personen erfahren (durch verletzende Sprache, Unsichtbarmachung, sexualisierte Gewalt, Architektur,…), wird auch die „Queer-Szene“ als ambivalenter Raum beschrieben. Auf den letzten Seiten geht die Autorin der Frage nach, was getan werden müsste, um das „Privileg der geschlechtlichen Eindeutigkeit“ abzubauen, nämlich: „binäre Geschlechterstereotype und ihre Auswirkungen zu reflektieren und zu kritisieren. […] Warum, so könnte die selbstreflexive Frage lauten, können sich Personen heteronormativ stabil, eindeutig, sicher und offensichtlich als Frauen und Männer repräsentieren?“. (S. 354f) Eine Frage, deren Beantwortung spannende Momente verspricht sowie sicher zu weiterführenden Fragen führt (wie beispielsweise: „Wie kann Diskriminierung von Frauen noch benannt werden, wenn die Kategorie Frau aufgelöst wird?“). Die Differenziertheit des Buches findet auch in 395 Fußnoten, einem 22seitigen Glossar der verwendeten Fachbegriffe und einem 34seitigen Literaturver¬zeichnis Ausdruck. Das Lektorat hätte noch etwas sorgfältiger arbeiten können, aber vielleicht ist die ungewöhnliche Abteilung mancher Wörter (geschlecht-sidentitäre S. 20/21, geschlechter-nonkonform S. 24, Intervie-wpartner_in S. 115) ein Ausdruck der Nonkonformität ;)
(Renate Tanzberger)

 

Knaus, Gerlinde (2014): Pionierinnen. Die fabelhafte Welt der Frauen in der Technik. Porträts von Frauen in technischen Berufen. Band 4

80 Seiten, Muße-Kunst, 23€

Der vierte Band der Reihe „Pionierinnen. Die fabelhafte Welt der Frauen in der Technik“ portraitiert Frauen, die in und mit technischen Berufen arbeiten. Das Buch soll vor allem jungen Frauen Mut machen, ihren Begabungen zu folgen und sich für eine technische Ausbildung oder Studium zu entscheiden. Nach einleitenden Worten zu Berufswahl und Rollenklischees enthält der Band eine kurze historische Rückschau auf Frauen und Technik aus dem Technischen Museum Wien. Ehemals biologistische Begründungen für die Ausgrenzung von Frauen aus technischen Berufen sind längst nicht mehr tragfähig, jedoch entscheiden sich immer noch wenige junge Frauen für eine naturwissenschaftlich-technische Ausbildung. Dem positive und ermutigende Portraits von Frauen aus der Technik entgegen zu stellen, ist dann auch der Hauptteil des Buches. Darin erzählen Frauen aus ihrem Fachbereich, von ihren Aufgaben und Begeisterungen. Sie erzählen aber auch von Ausgrenzungen durch männliche Kollegen, darüber, wie es sich mit einem ‚Exotinnenstatus’ leben und arbeiten lässt und ermutigen dennoch, dass alle ihren Interessen und Passionen folgen sollten. Ein sehr positiv stimmendes Buch, welches mit den Einzelportraits auch gut für die Berufsorientierung geeignet ist. Es bleibt zu hoffen, dass Frauen in der Technik bald keine Pionierinnen mehr sein müssen.
(Lydia Linke)

 

Götsch, Monika (2014): Sozialisation heteronormativen Wissens – Wie Jugendliche Sexualität und Geschlecht erzählen

290 Seiten, Budrich UniPress, 36€

Monika Götsch schreibt eine sehr gute Analyse von Prozess und Struktur heteronormativen Wissens(-erwerbs) bei Jugendlichen. Die Dissertation der Soziologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg bietet einen umfangreichen theoretischen Teil und eine kritische Analyse der Konzepte Jugend, Sozialisation und Heteronormativität. Götsch zeigt einerseits einen Prozess: wie heteronormatives Wissen – also die Setzung von heterosexuellen Beziehungen als gesellschaftliche Norm – von Kindern und Jugendlichen erlernt wird. Andererseits geht es um die Beschreibung einer Struktur – nämlich wie dieses erlernte heteronormative Wissen geäußert und reproduziert wird. In einem empirischen Teil, der auf biografischen Einzelinterviews und Gruppendiskussionen mit Jugendlichen zwischen 12 und 20 Jahren basiert, versucht die Autorin implizites Wissen der Interviewten über Geschlecht(er) und deren (sexuelle) Beziehung explizit zu machen. Diese Analyse zeigt, dass konträr zu den medial oft überspitzt dargestellten, scheinbar enthemmten und sexuell völlig frei agierenden Jugendlichen, diese (immer noch) in traditionellen Vorstellungen von Heteronormativität agieren. Götsch arbeitet "Erzählungen" der Jugendlichen heraus, die diese in Bezug auf Sexualität immer wieder erzählen und die eine Struktur starrer Geschlechts- und Sexualitätskonzepte aufrecht erhält.
Sehr gelungen finde ich die (selbst-)kritische Position der Forscherin und das grundsätzliche Hinterfragen von Jugend als eine Zeit, die von Erwachsenen überwiegend als gefährlich und fragil wahrgenommen wird. Götsch gibt mit ihrer Studie den Jugendlichen eine Stimme und zeigt uns, wie sie als Spiegel der Gesellschaft "Haupterzählungen" reproduzieren, sich jedoch selbstbewusst zu ihnen positionieren.
(Lydia Linke)

 

Gathen, Katharina von der (2014):  Klär mich auf. 101 echte Kinderfragen rund um ein aufregendes Thema

Illustration: Anke Kuhl, 208 Seiten, Klett Kinderbuch-Verlag, 15,40€,
auch als Hörbuch (Länge ca. 80min) erhältlich. Ab 8 Jahren

Das Format: wie ein Kalenderblock.
Die Fragen rund um die Themen Sexualität, Liebe, Körper und Pubertät: aus dem Leben gegriffen.
Die Zeichnungen: wunderschön und immer wieder zum Schmunzeln.

Die Autorin präsentiert in diesem Block Fragen, die ihr während ihrer Arbeit mit Grundschulkindern gestellt wurden. Auf der Vorderseite eines Blattes findet sich die Originalfrage eines Kindes (inklusive Rechtschreibfehlern) sowie eine passende Zeichnung zur Frage. Auf der Rückseite des Blattes geht die Autorin (Sonderschullehrerin und Sexualpädagogin) kindgerecht auf die Fragen ein. Um nur ein paar der Fragen vorzustellen: „Ist es nervig, die Periode zu kriegen?“, „Wozu hat man ein Lustgefühl?“, „Ist Sex witzig?“, „Kann ein Kind im Bauch furzen?“, „Wie machen Frauen mit Frauen und Männer mit Männern Sex?“ „Was passiert, wenn man keine Lust auf Sex hat?“
Die Antworten von Katharina von der Gathen sind sehr einfühlsam, sprechen wichtige Themen an, zeigen Humor, verheimlichen nicht, überfordern aber auch nicht. Und ihre Grundhaltung, nicht eine Wahrheit postulieren zu wollen, sondern zu zeigen, dass es verschiedene Ansichten gibt und dass es wichtig ist, die eigenen Antworten zu finden sowie auf die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu achten, ist in den Texten stark spürbar [vgl. das Interview mit ihr: www.lesebar.uni-koeln.de/gathen.php].
Mir ist klar, dass die Autorin keine Fragen erfinden wollte, aber ich hätte es fein gefunden, wenn auch das Thema Trans- oder Intersexualität Platz gefunden hätte. Zumindest bei den Antworten. Bei der Frage 36 „Wer hat das Wort ‚Sex‘ erfunden?“ schreibt die Autorin u.a. „Sexus ist lateinisch und bedeutet „Geschlecht“ (also männlich oder weiblich) […]“. Vielleicht hätte an dieser Stelle noch thematisiert werden können, dass Geschlecht nur scheinbar eindeutig ist?
Insgesamt sehr empfehlenswert. Solle in keiner (Volks-)Schulbibliothek fehlen.
(Renate Tanzberger)

 

Thiagarajan, Sivasailam/ Bergh, Samuel (2014): Interaktive Trainingsmethoden. Thiagis Aktivitäten für berufliches, interkulturelles und politisches Lernen in Gruppen

318 Seiten, Wochenschau Verlag, 30,70€

„Erstmalig im deutschen Sprachraum erscheinen Thiagis interaktive Trainingsmethoden mit über 70 Aktivitäten und Texten. Die Methoden eignen sich für berufliche, interkulturelle und politische Bildungsarbeit im Unternehmen, im Klassenzimmer oder im Seminarraum. Sie sind ein Schlüssel für das respektvolle Miteinander in Beruf und Alltag und einfach in der Implementierung. Die Übungen zeichnen sich durch übersichtliche Darstellung aus und sind handlungsorientiert.“ [aus der Verlagswebsite www.wochenschau-verlag.de/interaktive-trainingsmethoden.html]
Thiagi ist die Kurzform für den Sozialwissenschaftler Sivasailam Thiagarajan, Samuel van den Bergh ist Professor für Interkulturelle Kompetenzentwicklung und Diversity Management in Zürich. Das Buch gliedert sich in arbeitsphasenspezifische Übungen (z.B. zum Einstieg, Wachrüttler, zur Reflexion,…) sowie themenspezifische Übungen (z.B. zu interkulturellem Lernen, Umgang mit Vielfalt). Ich kann bei einigen Methoden / Übungen etwas für meine Arbeit mit Gruppen mitnehmen, bin aber beim Lesen des Buches immer wieder irritiert gewesen. Allzu oft gibt es innerhalb der Übungen Wettbewerbssituationen, die ich für kontraproduktiv für gelingendes Lernen halte. Meines Erachtens kommt auch das im Untertitel verwendete Thema politisches Lernen in diesem Trainingsbuch zu kurz, auch fehlt mir eine Erklärung, was die Autoren (und die Co-Autorin Annette Gisevius unter Kultur verstehen. Aus einer Geschlechterperspektive ist mir ein kreativer Umgang mit Sprache aufgefallen: männliche und weibliche Formen wechseln einander – mehr oder minder – ab, das jeweils andere Geschlecht soll sich mitgemeint fühlen. Dass es genau zwei Geschlechter gibt, wird jedoch nicht hinterfragt („die beiden Geschlechter“ S. 166). Aus meinem pädagogischen Verständnis heraus bin in auch skeptisch, wenn den Trainer_innen am Ende einer Übung empfohlen wird „Erklären Sie, dass Sie eine einmalig talentierte Gruppe von Teilnehmern vor sich haben.“ (S. 140) – das erscheint mir doch sehr berechnend und zu losgelöst von der konkreten Situation / Gruppe. Empfehlenswert für alle im Trainingsbereich, die mit einer kritischen Perspektive an das Buch herangehen und Übungen gerne abwandeln.
(Renate Tanzberger)

 

Schrodt, Heidi (2014): Sehr gut oder nicht genügend? Schule und Migration in Österreich.

208 Seiten, Molden Verlag, 19,99€

Heidi Schrodt gibt in diesem Buch einen Überblick und einen politischen Apell zu den Themen Migration und Bildung in Österreich. Sie tut das mit sechs längeren Kapiteln zu Migration in Österreich, verschiedenen Schulformen, Elementarpädagogik, Elternpartizipation und ‚best practice’-Beispielen aus Österreich. Ergänzt werden die Darstellungen mit einem Vergleich mit dem schwedischen Bildungssystem und drei Expert_inneninterviews zu Migration, Bildung und Sprache.
Der Befund für die österreichische Bildungslandschaft lautet, dass sie versagt allen Kindern, unabhängig von der Geschichte und dem Bildungshintergrund ihrer Eltern die gleichen Chancen zu bieten. Dies ist für eine reiche und demokratische Gesellschaft eine Katastrophe und liegt, so die Analyse, vor allem an dem politischen Unwillen oder der Unfähigkeit eine breit angelegte Bildungsreform zu gestalten. Zankapfel ist das bekannte Problem der starken Segregation der Kinder mit zehn Jahren in die verschiedenen Schulformen und der Gegenentwurf einer Gesamtschule. Weiters zeigt Schrodt Probleme des Bildungssystems im Umgang mit Mehrsprachigkeit der Kinder, Leistungsdruck und ein enorm starkes Standesdenken, was sozialen Aufstieg beinahe unmöglich macht. Kinder von Eltern in schwierigen sozioökonomischen Situationen sind hier besonders betroffen. Nicht unbedingt ein kausaler, aber dennoch ein Zusammenhang besteht zwischen Eltern nicht-österreichischer bzw. nicht-weißer Herkunft und einem niedrigeren Bildungsabschluss der Kinder.
Das Buch ist ein sehr guter politischer Anstoß endlich Bildungsreformen umzusetzen, die der sozialen Realität in Österreich gerecht werden. Kritisch anzumerken ist die teilweise begriffliche Unschärfe in Bezug auf Migration. So wird einleitend von „Kulturkreisen“ gesprochen, ein Begriff der von hermetisch abgeriegelten kulturellen Einheiten ausgeht, und in der Anthropologie, wo er seinen Ursprung hat, bereits seit den 1960er Jahren als essentialistisch eingestuft und abgelehnt wird. Allgemein hätte ich mir zum Thema Migration den gleichen theoretischen und politischen Tiefgang gewünscht, den die Autorin in Bezug auf Bildung präsentieren kann. Insgesamt aber ein sehr lesenswertes Buch, welches hoffentlich weitere nötige Diskussionen anregt.
(Lydia Linke)

 

Mühlsteph, Stefanie (2014):  Technikgirl. Wenn Mädchen Technik lieben.

Illustration: Jana Moskito, 256 Seiten, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 10,30€

Die Autorin hat Elektro- und Informationstechnik studiert und beschäftigt sich in diesem Buch mit dem Thema Mädchen/Frauen und MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Sie geht der Frage nach mit welchen Vorurteilen Mädchen/Frauen historisch, aber auch aktuell konfrontiert waren/sind. Ein Großteil des Buches berichtet von Frauen, die im MINT-Bereich tätig sind oder eine Ausbildung in einem dieser Bereiche machen. Dabei geht es sowohl um die Frage, wie die Mädchen/Frauen zu ihrem Berufswunsch gekommen sind, wer sie unterstützt oder behindert hat, welche Rolle die Schule gespielt hat, wie das aktuelle Arbeitsumfeld ist, welche Meinung die Frauen zur Quote, zu geschlechtssensibler Sprache haben,… Am Ende lädt ein Quiz Mädchen dazu ein, herauszufinden „welche Mintse sie sind“, eine Tabelle veranschaulicht, welche Erfindungen Frauen in der Zeit 1826-1961 machten und eine Sammlung an Websites aus Deutschland lädt die Leser_innen des Buches dazu ein, mehr über den MINT-Bereich zu erfahren.
Das Buch ist flott geschrieben, liest sich leicht und zeigt unterschiedlichste Mädchen/Frauen im MINT-Bereich. Bei den gezeichneten jungen Frauen finden sich leider nur übertrieben schlanke Frauen und ich hätte es fein gefunden, wenn z.B. durch eine Vielfalt an Hautfarben auch nicht-weiße Mädchen angesprochen würden.
Positiv gestimmt hat mich, dass die Autorin Stellung bezieht gegen biologistisch argumentierende Bücher wie „Warum Frauen nicht einparken und Männer nicht zuhören können“ (S. 179) und die Bedeutung der Gesellschaft für die Interessensentwicklung betont („Und diese Gesellschaft sollte nicht nur Mädchen dazu ermuntern, Fußball zu spielen, Helikopter zu basteln oder Computer zu programmieren, sondern auch dafür sorgen, dass Topflappen häkelnde und Ballett tanzende Jungen, die lieber Erzieher als Kfz-Mechaniker werden wollen, nicht als Weichei oder Sonderling ausgegrenzt werden.“ S. 214).
Dennoch habe ich mir immer wieder schwer getan mit diesem Buch. Die Frauenquote, positive Diskriminierung und der Girls‘ Day werden sehr negativ beurteilt, geschlechtssensible Sprache als nicht notwendig erachtet; ein Zitat wie „Eine Frau ist nicht besser, sie ist anders“ (Ursula von Leyen) verdeutlicht m.E. eine fehlende Auseinandersetzung der Autorin mit aktuellen Gendertheorien und auch Pauschalierungen wie „Iranerinnen, die Unterdrücktesten der Unterdrückten …“ (S. 189) haben mir das Lesen des Buches nicht immer leicht gemacht. Auf einem Großteil der Seiten kommen Frauen zu Wort, die mit dem MINT-Bereich zu tun haben. Hier ist es natürlich schwer, der Autorin die Verantwortung dafür zu geben, was diese Frauen sagen, aber einige der Aussagen hätten meines Erachtens nicht unkommentiert bleiben dürfen. Wenn eine Diplomphysikerin beispielsweise zu Wort kommt und auf das Statement ihrer Praktikantin „Was soll ich Sozialwissenschaften studieren und hinterher auf der Straße stehen? Die sind am Ende froh, wenn sie irgendwo in einer Kita unterkommen. Dann lieber was Richtiges.“ mit „Wo sie recht hat, hat sie recht“ kommentiert (S. 140), fehlt mir ein Hinweis darauf, dass Berufe, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten oft abgewertet werden, schlechter bezahlt und gesellschaftliche Bewertungen in Zusammenhang mit Arbeit nach wie vor oft frauendiskriminierend sind. Insgesamt ein Buch, das ich nur mit Vorsicht empfehlen kann.
(Renate Tanzberger)

 

Wahlström, Kajsa (2013): Jungen, Mädchen und Erzieher/innen. Geschlechterbewusste Pädagogik für die Kita. Das Erfolgsrezept aus Schweden.

192 Seiten, Beltz Verlag, 20,60€

Das, was wir zu wissen glauben, ist eine Erwartung und nicht die Wirklichkeit – dieses Statement zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch der schwedischen Pädagogin Kajsa Wahlström. In gender-sensiblen Bestandsaufnahmen lesen wir Beschreibungen wie diese: „Bereits in der Kita gibt es deutliche Verhaltensweisen, wie sich Jungen den Vorrang verschaffen, während die Mädchen zurückstehen“. Hier zeigt sich die Erwartungen der Pädagog_innen, dass Kinder auf die eine oder andere Art sind. Kajsa Wahlström nimmt einen Perspektivenwechsel vor und sieht das Tun/Benehmen der Kinder als Antwort darauf, wie die Erzieher_innen sie behandeln: die Jungen dürfen sich Vorrang verschaffen, Mädchen werden zum Zurückstehen veranlasst (S. 39).
Anschaulich beschreibt Wahlström Situationen im Kindergartenalltag durch Videoaufzeichnungen und Videoanalysen, in denen unterstützt durch Beobachtungsfragen vor allem das Verhalten der Pädagog_innen befragt wird, z.B.: Wie wird das Benehmen der Kinder geregelt – mit Aufforderungen oder Erklärungen? Wen sieht die Erwachsene an, um Zustimmung zu finden, wenn gesungen werden soll, Fragen beantwortet werden usw.? Die beteiligten Pädagog_innen schulen durch so geleitete Video-analysen ihre Beobachtungskompetenz. Von anfänglichen Interpretationen, die (stereotype) Unterschiede festschreiben („Adam hat nicht mitgesungen, sondern Schwierigkeiten gemacht“) gelangen sie zu einer detaillierten Beschreibung dessen, was genau Adam gemacht hat.
Kajsa Wahlström beschreibt ausführlich die Prozesse, die sie als Kindergartenleiterin und später als Beraterin in Gleichstellungsfragen in einer schwedischen Gemeinde begleitet hat: minutiös erarbeiteten die beteiligten Pädagog_innen nach anfänglichen Widerständen die Erkenntnis, dass oft ihr eigenes Handeln der Grund für das Verhalten der Kinder war und die Erwachsenen Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen erst verursachten. Diese „Forschungsprozesse“ erstrecken sich durch ständiges Beobachten – Analysieren – Verändern – Beobachten – Analysieren – Verändern – Beobachten – Analysieren... über einen längeren Zeitraum, der eigentlich nie abgeschlossenen ist und sein kann! Insofern ist das Buch ein überzeugendes Plädoyer für die stetige Auseinandersetzung mit Genderfragen in der pädagogischen Praxis sowie im privaten Alltag.
Die Autorin geht immer wieder auf Hindernisse in Form von persönlichen Haltungen ein („Ich doch nicht!“ oder „Das tue ich doch schon!“), sie beschreibt die Höhen und Tiefen von Lernprozessen, wie Lernen und Verlernen, wie Neues Integrieren und unbewusst Vertrautes Ablegen. Neben ein wenig salbungsvollen Formulierungsvorschlägen wie „Du malst aber schön mit deinen fantastischen Händen!“ finden sich viele Anregungen zur Bereicherung der eigenen Praxis.
Das Buch eignet sich für Einsteiger_innen in die geschlechterbewusste Pädagogik genauso wie es Fortgeschrittene anregt, selbstreflexiv die eigenen Annahmen, Grundüberzeugungen und Handlungen zu überprüfen. Das ist die große Stärke des Buches: Selbstreflexion der handelnden Pädagog_innen als zentrales Mittel zum Aufbau pädagogischer Professionalität zu fordern, zu unterstützen und zu begleiten. Insofern ist das Buch hochaktuell. Dass Mahlström vorwiegend differenztheoretisch verortet ist (es werden zum Beispiel Ziele für Mädchen bei der Mittagessen-Situation und Ziele für Buben bei der Mittagessen-Situation erarbeitet), kann dabei in Kauf genommen werden (und ist wohl darauf zurückzuführen, dass sie über ihre Erfahrungen mit Prozessen um die Jahrtausendwende berichtet).
(Claudia Schneider)

 

Bartosch, Ilse (2013): Entwicklung weiblicher Geschlechtsidentität und Lernen von Physik - ein Widerspruch?

470 Seiten, Waxmann Verlag, Münster 46,20€

Hierbei handelt es sich um die von Ilse Bartosch an der Alpen-Adria-Universität der Stadt Klagenfurt eingereichte Dissertation aus dem Jahre 2011.

Dieser sehr anregende Sammelband der Erziehungswissenschaft gruppiert Beiträge zu Schulalltag und Lehrpraxis um Judith Butlers Theorie der Subjektivation – also der Herstellung von Subjekten durch Macht- und Normierungsprozesse. Allen Aufsätzen liegt eine doppelte Reflexivität zu Grunde: zum einen geht es um das Erkennen (verdeckter) Strukturen, die Ungleichheiten im System Schule erhalten und reproduzieren, zum anderen darum, wie Kategorien von Differenz durch ihre Benennung (z.B. „Migrationspädagogik“) erst hergestellt werden können. Die einzelnen Beiträge beziehen sich auf Butler nicht nur als Gender-Theoretikerin, sondern nutzen ihr Konzept der Subjektivierung, um auch Rassismus und Homophobie in der Schule aufzudecken. In einem bewegenden Nachwort greift Butler das Thema Schule auf und setzt es in einen breiten gesellschaftlichen Kontext, sicher auch in Anlehnung an Michel Foucaults Untersuchungen zu totalen Insitutionen, in dem Schule ein Raum ist, in welchem Menschen (diskursiv) normiert und geformt werden. Dieser Vorgang wird jedoch nicht als eindimensionaler Zuschreibungsprozess von Differenzen verstanden, sondern als vieldimensionales Geflecht, in dem Ursache und Wirkung von allen Akteur_innen getragen und beeinflusst werden. Der Sammelband bietet so die Möglichkeit grundsätzlich kritisch über das System Schule nachzudenken und ruft zur (Selbst-)reflexion auf um den gewaltsamen Normierungsprozess, zu dem auch die Schule erheblich beiträgt, zu Gunsten einer gewaltfreien und inkludierenden Praxis aufzulösenHierbei handelt es sich um die von Ilse Bartosch an der Alpen-Adria-Universität der Stadt Klagenfurt eingereichte Dissertation aus dem Jahre 2011. Ausschlaggebend für die Wahl ihres Themas war, so beschreibt Frau Bartosch, ihre eigene Biographie und die Erfahrungen, die sie als Frau in einem von Männern dominierten Studium, nämlich dem der Physik, machte. Demnach merkte sie am eigenen Leib, welche Auswirkungen die Folgen einer geschlechtsspezifischen, dualistischen Sozialisierung haben können. Was ist „typisch weiblich"? Inwiefern werden bei Mädchen/Frauen dadurch gewisse Kompetenzen unzureichend ausgebildet, da diese eher als „typisch männlich“ besetzt sind und wie hinderlich kann sich das für Mädchen/Frauen auswirken, wenn sich diese eines Tages entscheiden, in ein männlich-dominiertes Berufsfeld einzusteigen? Ilse Bartosch orientiert sich in ihrer Arbeit an psychoanalytisch-pädagogischen Theorien aus dem Fachbereich der sozialen Arbeit und der Integrations- und Sonderpädagogik. Hiermit erforscht sie, wie genau es zur Entwicklung gewisser Kompetenzen kommt und wie diese in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Normen und Rollenerwartungen stehen. Gleichzeitig beschäftigt sie sich mit der Selbstwahrnehmung junger Frauen im Zuge ihrer Bildungs-laufbahn. Zusätzlich spielen die Interaktionen mit Lehrer_innen und deren bewusste und unbewusste Einstellungen und Werthaltungen an ihre Schüler_innen eine wichtige Rolle. Als Methoden hat Frau Bartosch die Unterrichtsbeobachtung, als auch narrative Interviews gewählt. Diese erlauben es am ehesten Interaktionen mit Hilfe des von Alfred Lorenzer entwickelten sogenannten Szenischen Verstehens, zu erforschen. Szenisches Verstehen bezeichnet das Bewusstmachen unbewusster und bewusster Vorgänge in Interaktionen, z.B. zwischen Schüler_innen und Lehrer_innen. Dabei handelt es sich um ein Zusammenspiel von Übertragungs- und Gegenübertragungsreaktionen. Übertragungsreaktionen sind gekenn-zeichnet durch die unbewussten und bewussten Reaktionen und Erwartungshaltungen, z.B. einer/eines Schülerin/Schülers* an ihre/n Lehrer_in. Wobei Gegenübertragungsreaktionen jene bewusste und unbewusste Gefühle bzw. Reaktionen der Lehrer_innen sind, die durch Übertragungsreaktionen der/des Schülerin/Schülers* ausgelöst werden können. Beide stehen stark in Zusammenhang mit den ausgebildeten psychischen Strukturen der Beteiligten, also den Erfahrungen, die auf beiden Seiten im Laufe ihres Lebens gemacht wurden. Durch das Zusammenspiel von Übertragungs- und Gegenübertragungsreaktionen entstehen Szenen, die sich aufgrund der latenten psychischen Strukturen der Beteiligten immer wieder reproduzieren. Dies gilt es durch das Szenische Verstehen nach Lorenzer aufzudecken und näher zu untersuchen. Des Weiteren geht Bartosch in ihrer Arbeit auf weibliche Identitätsbildung in der frühen Adoleszenz auf Basis psychoanalytischer Theorien ein. Bevor sie diese jedoch anhand ihrer Studie anwendet, gibt die Autorin erstmal eine Einführung in die Geschichte der Geschlechtsidentitätsbildung, um somit der/dem Leser_in eine Grundlage für ihre weiteren Ausführungen zu bieten. Hierbei wird u.a. genauso auf den Ödipuskomplex eingegangen, wie auf die Bedeutung der Mutter-Tochter- oder/als auch der Vater-Tochter-Beziehung, sowie auf die Wichtigkeit einer peer-group. Ebenfalls werden schulische Strukturen und die generelle Gewichtung des Fachs Physik an österreichischen (Hoch-)Schulen unter die Lupe genommen. Abschließend erläutert Bartosch verschiedene Lerntheorien, die Rolle der Emotionen im Unterricht, als auch die Wichtigkeit der Lehrperson selbst für das Interesse an einer weiterführenden Bildungslaufbahn in dem Fachbereich der Physik. Frau Bartosch‘ Fallstudien beziehen sich jeweils auf zwei Mädchen der 7. Schulstufe eines Naturwissenschaftlichen Realgymnasiums, und auf zwei Mädchen der 8. Schulstufe eines Neusprachlichen Gymnasiums. Innerhalb dieser Fallstudien werden Personenbeschreibungen der Hauptperson, ihrer peer-group, als auch des Lehrpersonals erläutert. Ebenso werden die Räumlichkeiten, als auch die Methode und Stimmung des Physikunterrichts beschrieben. Die darauffolgenden Beobachtungen sind so strukturiert, dass einzelne Passagen der Protokolle wiedergegeben werden, um diese anschließend mit Hilfe der bereits vorgestellten psychoanalytischen und psychologischen Theorien zu diskutieren. Mir persönlich gefällt diese Art der Strukturierung sehr gut. Indem immer wieder Bezug auf einzelne Abschnitte eines Protokolls genommen werden, lassen sich Bartosch‘ Ausführungen und Ansichten besser und schneller nachvollziehen. Jede Theorie, auf welche die Autorin eingeht, befindet sich direkt unter jener Passage des Protokolls, auf welche sie sich auch bezieht. Ich habe bereits Arbeiten gelesen, in der Protokollberichte und die anschließende Diskussion dieser, separat voneinander stattfanden. Diese Art der Strukturierung halte ich dann speziell für Personen, die sich zuvor nur wenig mit der psychoanalytischen Pädagogik auseinandergesetzt haben, für eher ungeeignet. Das einzige, das bei Frau Bartosch‘ Protokollen zu Verständnisschwierigkeiten führen könnte, ist, dass sie die Dialoge im ursprünglichen Dialekt wiedergegeben hat (beide Schulen befinden sich in Wien). Hierbei stellt sich jedoch auch die Frage, falls sie die Dialoge in Hochdeutsch übersetzt hätte, ob es sich dabei dann nicht um Interpretationen ihrerseits handeln würde und somit ein wesentlicher Teil der Aussagen verloren gegangen wäre. Anschließend stellt Ilse Bartosch sechs Hypothesen auf, die sie anhand der Ergebnisse ihrer Beobachtungen erschlossen hat und diese werden daraufhin in einzelnen Abschnitten diskutiert. Insgesamt geht es in Bartosch‘ Dissertation um die Rahmenbedingungen eines männlich-dominierten Fachbereichs und die Art und Weise wie diese Einfluss nehmen können auf die Entwicklung einer weiblichen Geschlechtsidentität. Dabei fokussiert die Autorin vorwiegend das Geschehen innerhalb der Klassenräume. Mit Sicherheit wäre es noch aufschlussreicher gewesen, außerschulische Faktoren in die Studie miteinzubeziehen. Dass Bartosch sich hier ausschließlich auf den Unterricht konzentriert, erwähnt sie selbst mehrmals und ergänzt abschließend ihre Studie mit möglichen weiterführenden Fragen. Es zeigt sich demnach, dass es auf diesem Gebiet noch einiges an interessantem Forschungsmaterial zu erschließen gibt. Meiner Meinung nach wäre es z.B. auch erstrebenswert, Mädchen aus komplett verschiedenen Orten (Land, Stadt, etc.) und unterschiedlichen Schulstufen, als auch mit stark voneinander abweichenden sozialen Hintergründen in einer Studie zu untersuchen. Vielleicht würde es dann zu noch aussagekräftigeren Ergebnissen in Bezug auf die Entwicklung einer weiblichen Geschlechtsidentität kommen. Nichts desto trotz ist Ilse Bartosch‘ Arbeit interessant zu lesen, insbesondere für jene, die sich bereits mit Gender Studies und psychoanalytischer Pädagogik auseinander gesetzt haben.
(Cornelia Lukas)

 

Kleiner, Bettina/ Rose, Nadine (Hg.) (2014): (Re-)Produktion von Ungleichheiten im Schulalltag. Judith Butlers Konzept der Subjektivation in der erziehungswissenschaftlichen Forschung.

191 Seiten, Verlag Barbara Budrich, Opladen, Berlin und Toronto 24,90€

Dieser sehr anregende Sammelband der Erziehungswissenschaft gruppiert Beiträge zu Schulalltag und Lehrpraxis um Judith Butlers Theorie der Subjektivation – also der Herstellung von Subjekten durch Macht- und Normierungsprozesse. Allen Aufsätzen liegt eine doppelte Reflexivität zu Grunde: zum einen geht es um das Erkennen (verdeckter) Strukturen, die Ungleichheiten im System Schule erhalten und reproduzieren, zum anderen darum, wie Kategorien von Differenz durch ihre Benennung (z.B. „Migrationspädagogik“) erst hergestellt werden können. Die einzelnen Beiträge beziehen sich auf Butler nicht nur als Gender-Theoretikerin, sondern nutzen ihr Konzept der Subjektivierung, um auch Rassismus und Homophobie in der Schule aufzudecken. In einem bewegenden Nachwort greift Butler das Thema Schule auf und setzt es in einen breiten gesellschaftlichen Kontext, sicher auch in Anlehnung an Michel Foucaults Untersuchungen zu totalen Insitutionen, in dem Schule ein Raum ist, in welchem Menschen (diskursiv) normiert und geformt werden. Dieser Vorgang wird jedoch nicht als eindimensionaler Zuschreibungsprozess von Differenzen verstanden, sondern als vieldimensionales Geflecht, in dem Ursache und Wirkung von allen Akteur_innen getragen und beeinflusst werden. Der Sammelband bietet so die Möglichkeit grundsätzlich kritisch über das System Schule nachzudenken und ruft zur (Selbst-)reflexion auf um den gewaltsamen Normierungsprozess, zu dem auch die Schule erheblich beiträgt, zu Gunsten einer gewaltfreien und inkludierenden Praxis aufzulösen.
(Lydia Linke)

 

Kauffenstein, Evelyn/ Vollmer-Schubert, Brigitte (Hg.) (2014): Mädchenarbeit im Wandel: Bleibt alles anders?

194 Seiten, Beltz Juventa, Weinheim und Basel, 20€

Bleibt alles anders?... ist der Untertitel des Sammelbandes, der sich mit aktuellen Positionen und Fragen der Mädchenarbeit in Deutschland beschäftigt. Wie unterschiedlich diese sein können, zeigt sich schon an der Schreibweise Mädchen, Mädchen_, Mädchen*, mit der entweder betont wird, wie wichtig es ist, die Konstruiertheit von Geschlecht sichtbar zu machen oder aber zu betonen, dass Mädchen nach wie vor mit Zweigeschlechtlichkeit, Heteronormativität und sexualisierten Zuschreibungen konfrontiert sind und die Kategorie Mädchen daher weiterhin bedeutsam ist. Mädchenräume werden nach wie vor als wichtig erachtet, die Frage der Ein- und Ausschlüsse muss aber gestellt werden. Wie tun mit Kindern/Jugendlichen, die sich selbst als Mädchen definieren, von anderen aber nicht so wahrgenommen werden? Wie können rassistische Strukturen bearbeitet werden? Welche Themen sollen wie behandelt werden? Geht es um Stärkung von Identität oder um Infrage Stellen von Identität? Einfache Antworten gibt es nicht, Widersprüche müssen ausgehalten werden. Vielen der Autor_innen ist es wichtig gegen den Neoliberalismus und die Vorstellung „Jede ist ihres Glückes Schmiedin“ Stellung zu beziehen und eine vermehrte Politisierung der Mädchen*arbeit zu fordern.

Wer sich von diesem Sammelband praktische, leicht umsetzbare Methoden der Mädchen*arbeit erwartet, wird enttäuscht sein. Wer aber grundsätzliche Positionen reflektieren will, sich Denk- und Diskussionsanregungen erhofft, kann sich auf eine spannende Lektüre freuen.
(Renate Tanzberger)

 

Budde, Jürgen/ Thon, Christine/ Walgenbach, Katharina (Hg.) (2014): Männlichkeiten. Geschlechterkonstruktionen in pädagogischen Institutionen.

243 Seiten, Verlag Barbara Budrich, 25,60€

Ein spannend zu lesender Sammelband, der sich dem Thema Männlichkeiten/
Männlichkeitskonstruktionen im Bereich Kleinkindpädagogik und Schule widmet. Im Unterschied zu einem medialen Diskurs, der die Feminisierung des Bildungsbereichs für das schlechtere Abschneiden von Buben in der Schule verantwortlich macht, wird hier beispielsweise gefragt, welche problematischen Männlichkeitskonzepte dazu führen könnten. Ebenso wird differenziert beleuchtet, in wie weit Männer in der frühkindlichen Erziehung von der patriarchalen Dividende profitieren, aber auch mit einem Generalverdacht der Pädophilie konfrontiert sind. Spannend fand ich auch die historischen Rückblicke (dass es in den USA schon im 19. Jahrhundert Warnungen gab, welch negativen Einfluss Lehrerinnen auf – v.a. ältere – Schüler hätten [S. 38] oder, dass z.B. der Pädagoge Fröbel die Beschäftigung männlicher Pädagogen im Kindergarten befürwortete, aber keine Interessenten für diesen neuen Beruf fand [S. 69]). Ich will noch einen Artikel herauszugreifen, der meines Erachtens stark zum Diskutieren anregt: "Der Zusammenhang von Männlichkeitskonstruktionen mit der Lern- und Leistungsmotivation bei Jungen" von Ruth Michalek, Thomas Fuhr und Gudrun Schönknecht. Die Autor_innen haben ein quantitatives Instrument, das Freiburger Jungeninventar, entwickelt, mit dem Differenzen zwischen den Männlichkeitskonstruktionen von 13- bis 16-jährigen gemessen werden können und haben dabei fünf Cluster von Männlichkeitskonstruktionen unterschieden (den familienorientierten Schüler, der starken Kerl, den individuellen Freund, den geselligen Freund und den Einzelgänger). Der starke Kerl wird mit Konkurrenz, Sport und Streben nach Anerkennung in der Jungengruppe in Verbindung gebracht; durch diese Benennung wird m.E. aber ein typisches Bild von Stärke in Verbindung mit Männlichkeit reproduziert. Und wenn nach der Zustimmung zum Ideal eines fürsorglichen, erfolgreichen Partners einer Frau gefragt wird, wird m.E. die Norm Heterosexualität reproduziert (zumindest geht aus dem Text nicht hervor, ob auch nach dem Ideal eines fürsorglichen, erfolgreichen Partners eines Mannes gefragt wurde). Auf jeden Fall empfehlenswert für alle im pädagogischen Bereich Tätigen.
(Renate Tanzberger)

 

AK Feministische Sprachpraxis (Hg.) (2011): Feminismus schreiben lernen.
188 Seiten, Verlag Brandes&Apsel, 19,90 Euro

"Wie sage ich es denn jetzt richtig?
'Richtig sagen’ gibt es gar nicht [für mich]." (2011: Seite 179)
Ausgangspunkt und gleichzeitiges Ziel des Buches "Feminismus schreiben lernen" ist es, feministische Sprachpraktiken und Interventionen in sprachliche Diskriminierungen zu entwickeln. Dafür hat sich der AK Feminsitische Sprachpraxis in eine kollektive inhaltliche Auseinandersetzung begeben: Das Buch ist ein (Zwischen-)Ergebnis eines Aushandlungs- und Lernprozesses, was an einigen Stellen auch sichtbar und transparent (gemacht) wird. Feminismus wird als (unabschließbarer) Lernprozess und Schreiben als Handlungsform verstanden – zwei Grundannahmen des Buches, die inhaltlich als roter Faden ausgerollt werden.
In einzelnen Beiträgen werden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt: die Erarbeitung eines Verständnisses von Feminismus, der Sexismus als (eine) Diskriminierungsform versteht, und eines Analysemodells für Sprachhandlungen, um Ausschlüsse in und durch Sprache zu benennen [AK Einleitung: Feminismus]; das Aufzeigen von Möglichkeiten, sich kritisch zu Ver_Orten v.a. in Kontexten der Wissensproduktion [feminismus w_orten lernen]; die Analyse von Diskrimierung in Sprachhandlungen und die Entwicklung alternativer Sprachformen [Dyke_Trans schreiben lernen]; und die Frage, wie Wissensproduktion in wissenschaftlichen Kontexten als feministisches Handeln aufgefasst und (Feminismus) gelernt werden kann [Wissen feministisch re_produzieren lernen]. Interessant ist v.a. der Teil FAQs zu Sprache, Diskriminierung und Feminismus, in dem konkrete Fragen, die aus dem Alltag, insbesondere auch aus wissenschaftlichem Alltag, bekannt sind, mit möglichen Argumenten und Antworten im Stil eines Bravo-Dr.Sommer-Beitrages festgehalten sind.
Das Buch und die Sprache, die verwendet wird, sind sehr akademisch, mit diskurstheoretischen Vokabeln gespickt und deutlich politisch-kritisch motiviert. Das lässt einerseits klar erkennen, dass es in einem universitären, nämlich dem GenderStudies-Kontext, entstanden ist, kann andererseits aber Ausschlüsse produzieren – das Lesen ist anstrengend und manchen Leser_innen weniger (leicht) zugänglich als anderen. Ich kann nachvollziehen, wenn eine_r beschließt, "aufzugeben", trotzdem lohnt es sich in mehrere der Beiträge hineinzulesen, da die Autor_innen unterschiedlich schreiben und formulieren. Ich finde es spannend, vor allem auch universitäre Wissensproduktion in Form von Schreiben als politisches Handeln aufzufassen und ich kann jenen das Buch nur empfehlen, die eine Idee davon bekommen wollen, wie dieser Gedanke vielleicht umgesetzt werden kann.
(Marcella Merkl)

 

Meuser, Michael/ Calmbach, Marc/ Kösters, Winfried/ Melcher, Marc/ Scholz, Sylka/ Toprak, Ahmet (2013): Jungen und ihre Lebenswelten – Vielfalt als Chance und Herausforderung.
232 Seiten, Verlag Barbara Budrich, 30,80 Euro

"Um zu erfahren, wie Jungen heute leben, welche Themen sie bewegen und wie sie zu Themen wie 'Gleichstellung' oder 'Familie' stehen, hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit dem im Jahr 2010 berufenen Beirat Jungenpolitik methodisches Neuland betreten: Ausgehend von der konkreten Lebenswirklichkeit und dem persönlichen Umfeld der jugendlichen Experten hat das paritätisch aus Erwachsenen und Jugendlichen besetzte Gremium seine Themen gefunden und diskutiert. Der Beirat Jungenpolitik hat also nicht über Jungen gesprochen, sondern mit ihnen." [aus: www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationen,did=199124.html].
Und daraus ist das folgende Buch entstanden, das ich mit großer Freude gelesen habe. Hier wird die Dramatisierung des Männlichkeitsdiskurses ("Jungenkatastrophe", "Krise des Mannes") mit Skepsis betrachtet, sehr wohl aber werden die Herausforderungen angesprochen, "die sich zum einen aus dem Wandel der Geschlechterverhältnisse in den letzten Jahrzehnten, zum anderen aus strukturellen Veränderungen in der Wirtschaft und der Arbeitswelt ergeben" (S. 55 ). Jungen werden in ihrer Vielfalt wahrgenommen, sie kommen selbst zu Wort (indem sie Beiträge verfasst haben, interviewt wurden, an Gruppendiskussionen teilgenommen haben); neben den Jungen schreiben erwachsene Expert_innen zum Thema "Jungen und ihre Lebenswelten" und es wurden Focusgruppen mit Mädchen u.a. über ihre Vorstellungen zum Thema Männlichkeit gemacht. Das Buch bietet ein sehr differenziertes Bild auf Jungen, zeigt auch Leerstellen auf (z.B. die Situation queerer Jugendlicher), gibt Schlussfolgerungen für die Jungenpolitik, aber auch ganz konkrete Anregungen, wie mit Jungen / Jugendlichen gearbeitet werden kann (z.B. "Spiel des Lebens" S. 69). Einzig, dass die Themen Sexualität und Gewalt nur gestreift wurden, finde ich schade, da ich mir interessante Erkenntnisse erwartet hätte (ausgehend von einer ähnlich differenzierten Darstellung wie bei den anderen Themen im Buch). Die Begründung, dass von den Jungen Gewalt und Sexualität nicht als zentrale Themen benannt wurden, hat mich erstaunt.
Download hier (pdf)
(Renate Tanzberger)

 

Herwartz-Emden, Leonie/ Schurt, Verena/ Waburg, Wiebke (2012): Mädchen und Jungen in Schule und Unterricht.
137 Seiten, Kohlhammer Verlag, 20,50 Euro

Dieser Band gibt einen Überblick über die Koedukationsdebatte in Deutschland von den 70er-Jahren bis heute, setzt sich mit den Themen Sozialisation und Mädchen-/Jungenförderung in der Schule auseinander, liefert Daten zu Bildungskarrieren von Schülerinnen und Schülern und widmet sich aktuellen Diskussionen. Unter anderem gehen die Autorinnen auf die Debatte "Jungen als Bildungsverlierer", "Die Schule braucht mehr Männer", Mädchen und MINT, Buben und Lesen, Vor- und Nachteile eines monoedukativen Unterrichts ein. Intersektionalität (also der Verknüpfung von Geschlecht mit anderen Kategorien wie Ethnie, Sozialstatus,...) wird thematisiert, Dekonstruktion von Zweigeschlechtlichkeit, die Verknüpfung von Geschlecht mit Begehren sowie eine Kritik an der Heteronormativität oder eine Darstellung von Queer Theory sucht die Leserin allerdings vergebens. Ein gutes Überblicksbuch (das sich speziell an Lehrkräfte, Dozent_innen und Studierende richtet) mit Leerstellen, einem anregenden Literatur- und Stichwortverzeichnis sowie Hinweisen auf Modellprojekte in Deutschland wie beispielsweise http://kickenundlesen.de (wobei sich auf der Website dann allerdings wieder Sätze finden wie: [Jungen] "lesen aber anders und anderes als Mädchen und brauchen eine Förderung, die das berücksichtigt." ... womit wieder stark verallgemeinert und die Unterschiedlichkeiten innerhalb der Jungengruppe ausgeklammert wird).
(Renate Tanzberger)

 

Fenkart, Gabriele (2012): Sachorientiertes Lesen und Geschlecht. Transdifferenz - Geschlechtersensibilität - Identitätsorientierung. 258 Seiten, Beltz Juventa Verlag, Weinheim u.a., 41,10 Euro

Die Autorin kommt aus der Praxis (Unterrichtstätigkeit, Schulbibliothek), ist in der Lehrer_innenaus- und Fortbildung tätig und arbeitet wissenschaflich im Bereich der Lesedidaktik. So vielfältig wie diese Ausgangspunkte sind auch die Themen des Buches. Neben Begriffsklärungen ("Was ist Sachliteratur?", "Was meint Transdifferenz?", "Wie wird Geschlecht konstruiert?",...), historischen Exkursen, Analysen in wie weit Sachtexte und Sachbücher zur Geschlechterkonstruktion beitragen, finden sich auch didaktische Perspektiven und 10 Thesen zu einer transdifferenten, identitätsorientierten und geschlechtssensiblen Lesedidaktik. Der Autorin geht es darum, "den Zusammenhang zwischen Geschlecht, Schicht und Lesesozialisation in Bezug auf Lesekompetenz und Lesemotivation zu untersuchen" (S. 240). Sie geht auf die Ebene der Schüler_innen ebenso ein wie auf die Bedeutung der Lehrer_innen und des gesellschaftlichen Umfelds, um zu einer "Erweiterung der Lektüren und Handlungsspielräume über die zweigeschlechtlich konstruierten Leseräume hinaus" (S. 226) beizutragen. Sie widmet sich dabei der Situation in Österreich und bietet Lehrer_innen, Sachbuchautor_innen und allen, die mit Leser_innen im Kindes- und Jugendalter zu tun haben, vielfältige Anregungen zur Reflexion. (Renate Tanzberger)

 

Hinrichs, Ulrike/ Romdhane, Nizar/ Tiedemann Markus (2012): Unsere Tochter nimmt nicht am Schwimmunterricht teil! 50 religiös-kulturelle Konfliktfälle in der Schule und wie man ihnen begegnet

192 Seiten, Verlag an der Ruhr, 19,50€

Die 50 im Buch beschriebenen Konflikte decken die Bereiche "Bildung und Erziehung", "Organisation von Schule", "Körper und Kleidung" sowie "Mann und Frau" ab und reichen von "Unser Kind darf keine Geschenke annehmen!" über "Unser Kind darf keinerlei Tiere töten oder zerlegen!", "Unser Kind hat während des Ramadan des Fasten einzuhalten!", "Unser Kind soll lernen, dass Homosexualität krankhaft ist!", "Unser Sohn wird beschnitten, so gebietet es unsere Tradition!" bis zu "Unser Kind darf die Vertreibung der Armenier nicht als Völkermord bezeichnen!". Es geht also um religiös-kulturelle Konflikte, aber auch um Traditionen und historisch-politische Konflikte. Bei jedem Konflikt werden Hintergründe, alternative Deutungsmuster (soweit vorhanden) und die Rechtslage dargestellt sowie Empfehlungen zum Umgang mit dem Konflikt gegeben. Die Rechtslage bezieht sich auf Deutschland, einige der angeführten Konflikte sind in Österreich wahrscheinlich kaum Thema. Ansonsten ist das Buch aber auch für ein österreichisches Publikum sehr lesenswert, weil es sehr differenziert berichtet.
Dazu möchte ich ein Beispiel herausgreifen: Beim Thema "Das Schlagen von Kindern hat bei uns Tradition!" wird erläutert "Nicht selten wird versucht, die Züchtigung von Kindern religiös zu legitimieren. Gleichwohl handelt es sich primär um verfestigte 'Gewohnheitsrechte' [...]" (S. 74). Anschließend wird kurz auf religiöse Quellentexte eingegangen, die Züchtigungen legitimieren (Altes Testament) oder eben auch nicht (Koran) sowie auf das Züchtigungsrecht, das in Deutschland bis 1958 bestand [in Österreich bis Mitte der 70er-Jahre; Anm. RT]. Es wird darauf verwiesen, dass Bibelstellen, die das Züchtigen gutheißen, nicht bedeuten, dass heutige Konfessionen das Schlagen von Kindern legitimieren. Bei den Empfehlungen wird klar angesprochen, dass die Schule keine Ver¬harm¬losung von körperlicher Gewalt durch schlagende Erwachsene akzeptieren darf, aber auch betont "Aus sozialpädagogischen Erwägungen sollte der Gesprächsfaden nicht abgebrochen werden." (S. 76)
Das Buch endet mit einem informativen Glossar. Es ist dem Buch anzumerken, dass die Autor_innen viele Bereiche abdecken: Jus, Islamwissenschaft, Politik, Soziologie, Philosophie, Geschichte, Erziehungswissenschaften,... Zum Schluss meiner Rezension noch Kritisches: Die Sprache ist leider nicht geschlechtssensibel (ein Beispiel aus dem Vorwort: "Der Ratgeber versteht sich somit als Handbuch für Lehrer, Pädagogen und streitbare Bürger."). Ich würde nicht von "homosexueller Veranlagung" (S. 52) schreiben und den Absatz "Darüber hinaus sprechen auch soziale Gründe für koedukativen Sportunterricht. Integration bedarf des Kontakts und gemeinsamer Erlebnisse. Eine aufgeschlossene Teilnahme in reinen Mädchensportkursen dürfte weit mehr Nähe erzeugen als die erzwungene oder verweigerte Teilnahme am koedukativen Sportunterricht." (S. 111) verstehe ich nicht.
(Renate Tanzberger)

 

Bak, Raphael/ Trinius, Stephan/ Walther, Clara (2011): Entscheidung im Unterricht: Coming-out im Klassenzimmer

Hg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, um 1,50€ zu beziehen bei wiebke.kohl@bpb.de

Protagonist Timo, ein homosexueller Jugendlicher, wird an seiner Schule gemobbt und überlegt daher, diese ohne einen Abschluss zu verlassen. Zusammen mit Noah Sow macht er sich auf die Suche nach einer Lösung und begegnet hierbei dem schwulen Musiker Ross Anthony, lässt sich zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz beraten und findet Unterstützung in einem Jugendzentrum für lesbische und schwule Jugendliche.
Das sehr informative Unterrichtsmaterial für Lehrer_innen der Haupt- und Berufsschulen beinhaltet neben fünf Kurzfilmen auch Hintergrundinformationen und diverse Arbeitsblätter, die direkt im Unterricht eingesetzt werden können. Es soll die Schüler_innen über Homosexualität aufklären und zu Diskussionen anregen. Ziel ist es, Verständnis füreinander zu entwickeln und eigenes (ggf. diskriminierendes) Handeln zu reflektieren. Der Schwerpunkt wird auf das Schwulsein gesetzt; lesbisches Begehren, transgender Lebensweisen und transsexuelle Personen spielen eine untergeordnete Rolle. Die Autor_innen haben sich kreativ mit einer gendergerechten Schreibweise auseinandergesetzt und ein neues Zeichen entwickelt, jedoch zum Vorteil des generischen Maskulinums.
(Anja Trittelvitz)

 

Knaus, Gerlinde (2010/11/12): Pionierinnen – Die fabelhafte Welt der Frauen in der Technik (Band 1-3)

Um 10€ (Band 1), 16,50€ (Band 2), 20€ (Band 3) bzw. 30€ (Band 1-3) zu beziehen bei gerlinde.knaus@mussekunst.com oder im Buchhandel.

Da sind sie endlich – die Role Models: erfolgreiche Frauen in technischen und forschenden Berufen. In drei Bänden portraitiert Gerlinde Knaus Wegbereiterinnen, die sich abseits der stereotyp weiblichen Berufswelt befinden, ob als selbständige Unternehmerin oder Managerin. Gerlinde Knaus‘ Utopie: Technikbegabte Frauen werden "eines Tages ganz selbstverständlich und vorurteilsfrei in technische Berufe hineinwachsen". Selbst zu Wort kommen die Förderinnen von Frauen in der Technik, Frauen aus den Gender Studies sowie die Pionierinnen in ihren jeweiligen Fachbereichen. Bei allem Optimismus werden aber nicht die zusätzlichen Hürden verschwiegen, die Frauen in diesem Feld überwinden müssen, denn gerade die Rahmenbedingungen in der Forschung erschweren Frauenkarrieren. Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, bleibt weiterhin das Problem von Frauen, von Vorurteilen und Diskriminierungen sowie dem Gender Pay Gap einmal abgesehen. Doch es gibt schließlich auch positive Beispiele und so stellen pro Band ca. zwanzig Frauen ihren individuellen Berufsweg vor. Zudem wird erläutert, wieso Frauen und Technik zusammengehören und es werden Frauenförderprogramme, Beratungsangebote sowie Netzwerke vorgestellt. Einziger Wermutstropfen ist, dass nach Gerlinde Knaus ausgerechnet besondere weiblich konnotierte Fähigkeiten, wie "Kommunikationsfähigkeit, gute Teamarbeit, kreative Lösungen" Technik und Forschung bereichern und zu einem neuen "Image" verhelfen sollen. Doch die portraitierten Frauen zeigen: Dazu bedarf es mehr – und das können sie!
(Anja Trittelvitz)

 

Eismann, Sonja/ Köver, Chris (2012): Mach´s selbst – Do it yourself für Mädchen

Illustration/Layout: Daniela Burger, 160 Seiten, Beltz & Gelberg, 17,50€

Das DIY-Buch widmet sich in neun Kapiteln den Themen: Musik machen, Senden + Schreiben, Crafting, Protestieren + Organisieren, Verkabeln + Sichern, Kochen, Reparieren + Bauen, Pflanzen sowie Reagieren + Analysieren. Es zeigt jeweils auch in Kürze auf, wie viele Personen benötigt werden, welche Kosten entstehen können und wie lange das jeweilige Projekt dauert. Wer also schon immer einmal wissen wollte, wie Beatboxing zu erlernen ist, ein eigener Blog zustande kommt oder Guerilla-Gardening in die Tat umgesetzt wird, ist hier genau richtig – und auch wer sich darüber noch keine Gedanken gemacht hat, wird zahlreiche neue Inspirationen finden. Die Autor_innen (allesamt Missy-Magazin-Herausgeber_innen) machen auch vor Themen wie Mobbing oder Rassismus nicht halt und geben hier den Leser_innen ebenfalls nützliche Tipps mit auf den Weg. Die Sprache ist leicht verständlich und altersentsprechend, die Handlungsanweisungen je nach Projekt mehr oder weniger anspruchsvoll. Neben Texten der Autor_innen kommen auch immer wieder Expert_innen als Role-Models zu Wort. Die Autor_innen des Buches haben den Anspruch, durchgehend die weibliche Anrede bzw. das generische Femininum zu verwenden – Jungen und Männer dürfen sich aber mitgemeint fühlen. Auf eine ausgewogene und gleichwertige Darstellung körperlicher Merkmale (wie Größe, Ethnizität, Alter, Hautfarbe, Gewicht usw.) wurde nicht ausreichend geachtet; vollständig abgebildete Personen sind ableisiert dargestellt. Das Buch ist dennoch empowernd, da es Mädchen durch das eigene Tun (ob allein oder in einer Gruppe) unabhängiger von anderen werden lässt, ihre Mitbestimmung erweitert und so das Selbstbewusstsein fördert.
(Anja Trittelvitz)

 

Rauw, Regina (2012): Praxishandbuch "Selbstbehauptung in der Mädchenarbeit"

Europäisches Netzwerk "It´s our world – Empowerment in the work with girls”, Preis: 5€ (zzgl. Versand), zu beziehen unter: info@girlsempowerment.eu

Wie wäre eine Welt mit lauter starken, selbstbewussten Mädchen und Frauen? Diese Frage stellt sich die Autorin des Praxishandbuches und erläutert, was Selbstbehauptung von Mädchen bedeutet und wie diese durch ein Training zu erreichen ist. Sie stellt sieben Schritte vor, die die Basis für Selbstbehauptungskurse für Mädchen legen sollen. Diese gliedern sich in Kennenlernen, Ankommen, in Kontakt mit sich und eigenen Gefühlen treten, Grenzen setzen, Artikulation von NEIN und JA, Integration neuer Erfahrungen und Evaluation. Hierbei wird nicht nur auf gute Planung und Methodenvielfalt geachtet, sondern auch auf die Haltung der jeweiligen Fachkräfte. Das Handbuch ist in mehreren Sprachen zugänglich und gendergerecht verfasst. Bei der Darstellung der Methode des Trainings wird die weibliche Schreibform verwendet. Personen, ob eher weiblich, männlich, inter- oder transsexuell, werden als gleichwertig beschrieben und anerkannt. Es wird darauf hingearbeitet, dass sich die Mädchen in der Trainingsgruppe gegenseitig respektieren und wertschätzend verhalten. Eine vertrauensvolle Beziehung zur Trainerin sowie untereinander ist für den erfolgreichen Verlauf unabdingbar. Das Buch zielt darauf ab, die Selbstbestimmung der Mädchen durch Körperwahr­nehmung und das Ausprobieren unterschiedlicher sozialer Handlungsformen zu fördern. Es werden viele Methoden vorgestellt, bei denen Bewegung und Körperkontakt zentral sind. Diese sollten stets den Teilnehmerinnen und ihren körperlichen Möglichkeiten angepasst sein und es sollte darauf aufmerksam gemacht werden, dass sich die Mädchen jederzeit zurücknehmen oder wieder einbringen können, um ihre Grenzen zu wahren. Methoden, die eigentlich das Entdecken von Gemeinsamkeiten zum Ziel haben, sollten daraufhin überprüft werden, ob sie keine weiteren Ausgrenzungen fördern, wenn es keine Gemeinsamkeit gibt. Etwas problematisch finde ich es, wenn Mädchen im Spiel ausgerechnet die Rolle des körperlich bedrängten "Stars" oder der Burgprinzessin einnehmen sollen. Mädchen werden im öffentlichen Raum doch schon oft genug eingeschränkt und Prinzessinnen müssen/sollen/können sie ohnehin schon immer sein. Aber es spricht ja nichts dagegen, die Übungen den eigenen Vorstellungen entsprechend abzuändern.
(
Anja Trittelvitz)

 

Stadler-Altmann, Ulrike (Hg.) (2012): Genderkompetenz in pädagogischer Interaktion. 193 Seiten, Verlag Barbara Budrich, Opladen u.a., 23,60 Euro

Der Sammelband beschäftigt sich mit Genderkompetenz im erziehungswissenschaftlichen Diskurs, also mit der Frage wie in der Lehrer_innenausbildung Genderkompetenz vermittelt werden kann, sowie mit Ideen dafür, wie Lehrer_innen Schüler_innen für dieses Thema sensibilisieren können.
Mir ist sehr positiv aufgefallen, dass das Buch bereits zu Beginn Genderkompetenz sowie die Hinterfragung der eigenen Prägung durch Geschlechterstereotypen bei Lehrenden als Schlüsselqualifikation unterstreicht, ohne die geschlechtergerechtes Handeln nicht möglich ist. Zudem wird darauf aufmerksam gemacht, dass keineswegs unstrittig ist, was nun unter einer "geschlechtergerechten Schule" verstanden werden kann bzw. was diese ausmacht. Etwas schade ist, dass nicht darauf eingegangen wurde, inwiefern Lehramtsstudierende unterschiedliches Vorwissen zum Thema Gender mitbringen und wie das Curriculum mit diesem unterschiedlichen Vorwissen umgehen soll/kann, um Frustration und Ablehnung zu vermeiden.
Die Aussage, Geschlechtererziehung dürfe nicht als "Zwang" oder "Umerziehung" erlebt werden, bildet schließlich den Übergang zum zweiten Themenkomplex, der Umsetzung der erworbenen Kompetenz im Unterricht. Schüler_innen müsse zunächst der Begriff "Gender" näher gebracht und ihnen gezeigt werden, wie scheinbar "biologische" bzw. "natürliche" Geschlechterdifferenzen zu Schlussfolgerungen über Frauen/Männer führen und welche Auswirkungen dies in Folge auch auf das eigene Leben hat. Beim Thema "gendersensible Berufsorientierung" wird erläutert, dass es wichtig sei Alternativen aufzuzeigen und Mut zu ungewöhnlichen Berufsentscheidungen zu machen. Leider wird nicht thematisiert, wie damit umgegangen werden könnte, dass Jugendliche zur Zeit der Berufsorientierung bereits von Geschlechterstereotypen ihres jeweiligen Umfeldes geprägt sind.
Weitere Themen sind: Jungenkrise und Jungenförderung in der Schule; Gender, Migration und Schule; Erfahrungsberichte aus einem MINT-Projekt, etc.. (Astrid Bauer)

 

Schweighofer-Brauer, Annemarie (2011): Cross Work. Geschlechterpädagogik überkreuz in Deutschland und Österreich. 217 Seiten, Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Taunus, 28,00 Euro

Als ich die Begriffe "Geschlechterreflektierende Überkreuzpädagogik"bzw. Cross Work zum ersten Mal hörte, löste dies bei mir eher negative Assoziationen (Kreuz = Leiden) aus. Als ich dann verstand, dass es darum geht, dass Frauen mit Buben/Burschen bzw. Männer mit Mädchen bzw. ein Mann-Frau-Team mit einer gemischtgeschlechtlichen Gruppe arbeiten und diese Situation bewusst reflektieren und gestalten, wurde ich neugierig. Annemarie Schweighofer-Brauners Publikation kam also gerade richtig. Sie liefert einen historischen Abriss zu Begrifflichkeit und Entwicklung dieses Ansatzes, stellt spannende Fragen, die von Cross Work-Expert_innen in Österreich und Deutschland beantwortet werden und fasst die Grundlagen von Cross Work zusammen. Cross Work- Akteur_innen brauchen Genderwissen, die Bereitschaft zur Selbstreflexion und zur Reflexion ihres pädagogischen Alltags sowie den Austausch mit anderen. Fragen dabei können sein: Was können Frauen Burschen anbieten? Was können Männer Mädchen anbieten? Welche Chancen, aber auch welche Gefahren (z.B., dass Geschlechterzuschreibungen verstärkt werden) entstehen dabei? Wie wirkt sich die Asymmetrie in Bezug auf Geschlecht und Alter auf die konkrete Arbeit aus (im patriarchalen Bezugssystem ist der Mann dem Mädchen in Bezug auf Alter und Geschlecht überlegen, die Frau dem Burschen in Bezug auf Alter überlegen, aber in Bezug auf das Geschlecht unterlegen)? Ein wichtiges Buch, für alle, die als Frau mit Burschen oder als Mann mit Mädchen arbeiten. (Renate Tanzberger)

 

Buchmayr, Maria (Hg.) (2008): Geschlecht lernen. Gendersensible Didaktik und Pädagogik. 282 Seiten, Studien Verlag, Innsbruck/Wien/Bozen, 29,90 Euro

Im Mai 2006 fand an der Universität Linz ein Absolvent_innentag zum Thema "Geschlecht lernen - gendersensible Didaktik und Pädagogik" statt. Das nun vorliegende Buch besteht aus Texten der Referent_innen und Workshopleiter_innen sowie aus Beiträgen anderer Expert_innen zu den drei Bereichen Didaktik, Naturwissenschaft und Sprache. Neben eher theoretischen Texten finden sich konkrete Beispiele, die sich sofort in die Praxis umsetzen lassen. Christine Plaimauer bietet zum Beispiel Anregungen für die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen im Unterricht in der Sekundarstufe, Susanne Schwanzer stellt Materialien für die Arbeit mit Erwachsenen vor. Cäcilia Rentmeister widmet sich einer deutschen Webplattform, die Jugendliche für sexuelle Gewalt sensibilisieren will.

Angelika Pasekas Grundlagentext "Wie Kinder zu Mädchen und Buben werden" kann in der pädagogischen Aus- und Fortbildung wunderbar Anwendung finden und jene Texte, die sich speziell mit Mathematik, Physik oder Musik beschäftigen finden hoffentlich Eingang in der Ausbildung Lehramtsstudierender. Einige Aufsätze haben auch eine starke politische Komponente. Karin Köhler etwa widmet sich dem Thema "Vom sprachbegabten Mädchen zur sprachlosen Migrantin" und zeigt dabei auf, wie u.a. Politiker_innen Frauen mit Migrationshintergrund auf die Rolle Ehefrau und Mutter festschreiben. Die Glossen von Luise F. Pusch führen in gewohnter Weise zu einem Lachen, das einer manchmal im Hals stecken bleibt. Insgesamt eine gelungene Sammlung! (Renate Tanzberger)

 

Breitsprecher, Claudia (2007): Bringen Sie doch Ihre Freundin mit! Gespräche mit lesbischen Lehrerinnen. 213 Seiten, Verlag Krug & Schadenberg, Berlin, 18 Euro.

Stunden gebannter Leselust sind garantiert durch die Geschichten, die das Leben schrieb und welche von Claudia Breitsprecher in „Bringen Sie doch Ihre Freundin mit! - Gespräche mit lesbischen Lehrerinnen" aufgeschrieben wurden. Wer gerne in Kurzgeschichtenform am Leben anderer teilnimmt, wird von dieser Le(s)bens-Sammlung begeistert sein! Lehrer_innen aus ganz Deutschland erzählen über den eigenen sowie den Umgang Anderer mit ihrer Homosexualität im Leben und im System "Schule". Beispiele für Coming-Outs gegenüber Schüler_innen, Eltern und auch Kolleg_innen in verschiedenen Orten und Schultypen sind genauso zu finden, wie auch bewusste Entscheidungen gegen die Öffentlichmachung der eigenen Homosexualität im pädagogischen Erwerbsarbeitsfeld. Von Religion bis Sport reicht die inhaltliche Bandbreite der zu Wort kommenden Lehrer_innen; dazu wird die gesamte Altersspanne der Berufstätigkeit von der Berufsanwärter_in bis hin zur bereits pensionierten Lehrer_in vor-bild-haft angeboten. Die insgesamt 10 Erzählungen werden zusätzlich noch von 2 Exkursen zur unterstützenden Arbeit politischer Institutionen ergänzt, wodurch deren existientielle Notwendigkeit zur Sichtbarmachung und Unterstützung lesbischer Lebensrealitäten im Kontext "Schule" zum Ausdruck kommt. Eine nicht nur für Lehrer_innen äußerst spannende und lustvolle Lektüre, die den Wunsch nach einer detailierteren und ausführlicheren Beschreibung lesbischer (Konflikt-)Lösungen im Staatsbetrieb "Schule" hinterlässt. Fortsetzung unbedingt erwünscht! (Bärbel Traunsteiner)

 

Rose, Lotte/ Schulz, Marc (Hg.) (2007): Gender-Inszenierungen. Jugendliche im pädagogischen Alltag. 307 Seiten, Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Taunus, 28 Euro

"Gängigerweise erscheinen Genderinszenierungen den Professionellen zuallererst und primär als Problem." Entgegen einem "adultozentristischen Problemblick", nach dem Genderinszenierungen – gemeint als die Herstellung und Thematisierung von Geschlechterunterscheidung mit sprachlichen, nonverbalen, körperlichen und habituellen Ausdrucksformen – immer schon Agent_innen von geschlechtsspezifischer Diskriminierung sind, da in ihnen die Gefahren von Ungleichheit und Ungerechtigkeit liegen, zeigen die Autor_innen in ihren ethnografisch angelegten Forschungen in drei deutschen Jugendhäusern, dass solche problematisierenden Bilder einseitig sind und der symbolisch-interaktiven Komplexität der Handlungen von Jugendlichen nicht gerecht werden. Genderinszenierungen (im Jugendzentrum in vielfältigen Alltagsszenen beschrieben – wie der Disco, beim Kochen, in der Werkstatt, beim Billard, am Computer,...) werden von ihnen als Bewältigungs- und Integrationsressourcen gedeutet, die wohl auch Marginalisierungsrisiken bergen. Gruppen brauchen unentwegt Distinktionsprozeduren – wobei das Reservoir möglicher Unterschiede unbegrenzt ist. Rose und Schulz weisen darauf hin, dass nicht die Vorgänge an sich schon die Ursachen von sozialer Ungerechtigkeit sind, sondern die institutionelle Gestaltung der Unterscheidungen.

Ein vielschichtiges Forschungsprojekt über Jugendszenen wird hier anschaulich und spannend zu lesen dokumentiert. (Claudia Schneider)

 

Brinkmann, Tanja Marita (2006): Die Zukunft der Mädchenarbeit. Innovationspotenziale durch neuere Geschlechtertheorien und Ungleichheitsforschung. 144 Seiten, Unrast-Verlag, Münster, 14 Euro

Als "Altfeministin" habe ich das Buch mit gemischten Gefühlen gelesen. Einerseits nach dem Motto "Super, dass es das Buch gibt", werden doch ganz wichtige Themen in sehr kompakter Form bearbeitet (z.B. Gendertheorien, Lebenswelten von Mädchen und jungen Frauen in Deutschland, Entstehungshintergrund, Prinzipien und Kritik an der Mädchenarbeit,...). Andererseits mit ein bisschen Bauchweh. "Wie fast alle sozialen Bewegungen erschöpfte sich die Frauenbewegung mit der Zeit" (S. 118) ist ein Satz, den ich nicht unterschreiben kann. Und so positiv ich es finde, Prinzipien der Mädchenarbeit daraufhin zu hinterfragen, ob sie für die heutige Zeit noch passen und Weiterentwicklungen anzudenken, bin ich mir manchmal nicht sicher, ob es nicht erst notwendig ist, dass sich die "alten Prinzipien" flächendeckend durchgesetzt haben (und davon kann in der Kinder- und Jugendarbeit noch immer nicht die Rede sein) bevor ein Abgehen von diesen Prinzipien angesagt ist. "Letztlich gilt es, für das offen zu sein, was die Adressatinnen brauchen und nicht von vornherein zu wissen, welche Bedürfnisse vorliegen" (S. 119) ist m.E. passend für Personen, die mit Mädchen arbeiten und einen feministischen Background haben (sich also z.B. bewusst sind, dass die Bedürfnisse von Mädchen auch gesellschaftlich überformt sind), für Personen ohne feministischen Background kann so ein Satz eine Art "Freibrief" darstellen, sich nicht näher mit gesellschaftlichen Bedingungen und deren Auswirkungen auf Mädchen auseinander zu setzen.

Insgesamt ein Buch, das zum Diskutieren und Nachdenken anregt – auf jeden Fall empfehlenswert! (Renate Tanzberger)

Gubitzer, Luise/ Schunter-Kleemann, Susanne (Hg.) (2006): Gender Mainstreaming – Durchbruch der Frauenpolitik oder deren Ende? Kritische Reflexionen einer weltweiten Strategie. 253 Seiten, Peter Lang, Frankfurt/M., 56,80 Euro

Die Autor_innen des Sammelbandes, eine Dokumentation der Frauenringvorlesung an der Wirtschaftsuniversität Wien im Jahr 2004, versuchen eine theoretische und politische Verortung von Gender Mainstreaming als Instrument der Gleichstellung. Wobei der Politikansatz in seiner Reichweite für organisationale Veränderungen jeweils unterschiedlich eingeschätzt wird.

Regine Bendl z.B. bezeichnet die "Umsetzung von GM als Sichtbarmachung von Geschlechterperspektiven im funktional geschlechtsblinden malestraem bei gleichzeitiger Verfestigung der dualen Geschlechterkonzeption", Barbara Fuchs ortet eine (Re)Produktion von Geschlechterdifferenz im Technikumfeld IKT durch die österreichische Technologiepolitik. Andere Autor_innen befinden GM als geeignet, Wissen darüber zu erlangen, wie geschlechtliche Differenzierungen in Organisationen eingeschrieben sind (Ulli Gschwandtner, Birgit Buchinger) oder strukturelle Organisationsdefizite (der Hochschule) aufzuzeigen (Christine Roloff).

Eine anregende Textsammlung, die immer wieder dazu aufruft, Geschlechterdifferenzen und die Interpretation von Geschlecht als natürlicher Kategorie und binäre Geschlechtermatrix zu dekonstruieren. Ein Unterfangen, das alle an GM-Prozessen Beteiligten – in der Beratung, im Training, in der Organisationsentwicklung und auf Auftraggeber_innenseite – leisten müssen! (Claudia Schneider)


Rendtorff, Barbara (2006): Erziehung und Geschlecht. Eine Einführung. 220 Seiten, W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart, 18 Euro

Das Buch bietet einen Überblick über Themenfelder, die im engeren Sinn mit Erziehung zu tun haben (v.a. Familie, Kindergarten, Schule). Nach einer Bestandsaufnahme bzgl. geschlechtstypischer Auffälligkeiten und verschiedenen Dikursansätzen (von historischen Erziehungsratgebern bis zu Konzepten antisexistischer Jungen- und parteilicher Mädchenarbeit) befasst sich die Autor_in mit theoretischen Grundlagen (zu Weiblichkeit, Männlichkeit, sex, gender, Differenz/en,...) und sie endet mit pädagogischen Erwägungen und Handlungsfeldern. Auffallend ist, dass die Autor_in zwar im Vorwort schreibt, dass sie sich v.a. auf deutschsprachige Literatur und Diskurse bezieht, Literatur aus Österreich aber fast gänzlich fehlt.

Mein Eindruck beim Lesen: Barbara Rendtorff positioniert sich klar als Anhänger_in der Psychoanalyse. Vieles wird angeschnitten, vieles liest sich spannend und regt zum Nachdenken an. Immer wieder gibt es Stellen, die einen Widerspruch hervorrufen, so, wenn sie z.B. zitiert, "dass wir unabhängig von allen politischen Debatten über Hetero- oder Homosexualität anerkennen müssen, dass 'unser aller Leib und Leben die mehr oder weniger glückliche Folge mehr oder weniger geglückter sexueller Beziehungen zwischen zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts ist – ob uns das gefällt oder nicht'" (S. 122). Insgesamt ein Buch, das zum Diskutieren/Streiten (Letzteres sieht Rendtorff sehr positiv) einlädt. (Renate Tanzberger)

 

Tschopp, Edith/ Wagen, Eveline (Hg.) (2006): Verletzungen. Ein Lehrmittel zum Nachschlagen über Menschenrechte, Diskriminierung und Rassismen. 283 Seiten, Verlag Rüegger, Zürich/Chur, ca. 30,70 Euro

Ziel dieses umfangreichen Lehrmittels ist es, durch das Thematisieren von Menschenrechten in Aus- und Weiterbildungen kulturelle Werte zu reflektieren, kritisches Denken zu fördern, fassbare und weniger fassbare Diskriminierungsmuster sichtbar zu machen und damit Zivilcourage im beruflichen und persönlichen Alltag zu fördern. Dazu werden Texte zu bestimmten Themenfeldern (z.B. Diskriminierung, Identität, Migration, Gender,...) zur Verfügung gestellt und im Anschluss Anregungen für die Arbeit mit den Texten gegeben (meist Fragen für Einzel- oder Gruppenarbeiten, aber auch Vorschläge für Rollenspiele,...).

Ein 60-seitiges Glossar mit Begriffen der intra- und interkulturellen Beratungs-, Vermittlungs- und Sensibilisierungsarbeit runden das gelungene Werk ebenso ab wie eine Literatur-, Link- und Medienliste. Sehr geeignet für jene, die in der Erwachsenenbildung bzw. in der Schule gerne mit Texten arbeiten. (Renate Tanzberger)

 

Behning, Ute/ Sauer, Birgit (Hg.) (2005): Was bewirkt Gender Mainstreaming? Evaluierung durch Policy-Analysen. 240 Seiten, Campus, Wien, 29,90 Euro

Der Sammelband präsentiert die Ergebnisse der Veranstaltung "Institutionenwandel und Gender Mainstreaming" vom Frühjahr 2003 in Wien. Was die Beiträge verdeutlichen:

das Ziel von Gender Mainstreaming – ein Institutionenwandel, der zur Gleichstellung von Frauen und Männern führt – ist nur durch geschlechtssensible Reflexivität der politisch Handelnden zu erreichen. Die Werte und subjektiven Überzeugungen von Akteur_innen hinsichtlich ihrer Konstruktionen von sozialem Geschlecht sind in GM-Prozessen ebenso relevant wie die jeweils im europäischen Vergleich national unterschiedlich historisch gewachsenen Rahmenbedingungen, geschlechterpolitischen Aktivitäten und Erfahrungen (z.B. die nordische Wohlfahrtpolitik, die auf soziale Gleichheit der Geschlechter fußt und zielt im Gegensatz zur kontinentalen, die die soziale Differenz der Geschlechter als Ausgangs- und Endpunkt ihrer Policy setzt – vgl. die Beiträge von Behning und Dackweiler). Der Erfolg von Gender Mainstreaming ist abhängig von zwei Bedingungen: von der Lernfähigkeit der Akteur_innen und dem Zugang zu geschlechterrelevantem Wissen (Bothfeld). Für Berater_innen in Organisationsentwicklungsprozessen, wie GM einer ist, ist auch das "strategische framing" von Bedeutung, das Institutionenwandel initiieren oder blockieren kann (vgl. den Beitrag von Sauer).

Was im Buch etwas zu kurz kommt ist eine – zugegeben – visionäre Füllung von Gender als Kontinuum: Gender können viele sein, auf jeden Fall mehr als zwei. Diese Verknüpfung von Gender-Theorien mit Organisationstheorien, -beratung und –entwicklung und Politikwissenschaft würde politische und strategische Relevanz besitzen. (Claudia Schneider)

 

Buchinger, Birgit/ Hofstadler, Beate/ Gschwandtner, Ulrike/ Schoibl, Heinz (2004): Körper . Leben . Träume. Geschlechterperspektiven bei jungen Frauen und Männern. 382 Seiten, Löcker Verlag, Wien, 32 Euro

Endlich ein Buch, das noch dazu mit einer "ethnischen" Einbettung Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Jugendlichen in Österreich thematisiert. Mit qualitativen Forschungsmethoden wurden von 2000-2002 Jugendliche befragt (17 Mädchen und 15 Burschen zwischen 10 und 20 Jahren sowie Jugendliche in 3 Workshops), aber ebenso Gruppengespräche mit Erwachsenen geführt. Im ersten Teil des Buches lassen uns die Forscher_innen an ihrem Reflexionsprozess und den Unterschieden zwischen den Perspektiven der 3 Forscher_innen und dem Forsch_er sowie dem Supervisor teilhaben. Mit vielen Interviewausschnitten gehen sie anschließend auf die Bereiche Lebensformen, Alltag, Freundschaft/Beziehungen/Sexualität, Körper, Zukunft/Wünsche ein. Ein abschließender Literaturüberblick sowie ein Überblick über den rechtlichen Rahmen rundet das Werk ab.

Tamara (15 Jahre): "Also eigentlich - ich hab noch nie so viel mit wem anderen über mein ganzes Leben geredet wie jetzt." (S. 42) Schön, dass sich da Forscher_innen gefunden haben, die Fragen stellen, zuhören, Interesse zeigen. Und schön als Leser_in so viel von Jugendlichen zu erfahren. Aber auch immer wieder erschreckend, wie groß die Differenzen zwischen Mädchen und Burschen in vielen Bereichen immer noch sind. (Renate Tanzberger)

 

Faulstich-Wieland, Hannelore/ Weber, Martina/ Willems, Katharina/ Budde, Jürgen (2004): Doing Gender im heutigen Schulalltag. Empirische Studien zur sozialen Konstruktion von Geschlecht in schulischen Interaktionen. 252 Seiten, Juventa Verlag, Weinheim und München, 20,10 Euro

1998 begann eine vier Jahre dauernde Längsschnittstudie mit der Fragestellung "wie Lehrkräfte und Jugendliche in der Adoleszenz in unterschiedlich zusammengesetzten Schulklassen durch Interaktionen in verschiedenen Schulfächern Geschlecht als soziale Kategorie konstruieren und welche Interaktionen zur 'Neutralisation' beitragen." Dazu wurden drei Gymnasialklassen in Deutschland beobachtet: eine mit mehr Mädchen, eine mit mehr Burschen und eine mit gleich viel Mädchen wie Burschen. Die Studie war sehr umfangreich sowohl die Methoden (Fragebögen, Unterrichtsprotokolle, Tonband- und Videoaufnahmen, Interviews, Erstellen von Interaktionsnetzen,...) als auch die Fragestellungen betreffend. Schließlich ging es um das doing gender (also die Frage, wie Geschlecht hergestellt wird) der Schüler_innen, aber auch um das undoing gender und die Frage, welche Bedeutung doing student und doing adult in diesem Zusammenhang haben.

Insgesamt eine sehr spannende Lektüre (bei der es - um nur ein paar Highlights zu nennen - um die Bedeutung von Räumen, von Kleidung und Haarpraktiken, um Selbstwert, Aggressionen etc. geht). Die Protokollniederschriften und die anschließenden Interpretationen waren stellenweise etwas mühsam zu lesen und manchmal hatte ich den Eindruck, dass die Autor_innen ein undoing gender wahrnahmen, wo ich ein deutliches doing gender herauslas. Insgesamt aber auf jeden Fall eine Lektüre, die zum Diskutieren und durchaus auch zum kritischen Hinterfragen anregt.
(Renate Tanzberger)

 

Graff, Ulrike (2004): Selbstbestimmung für Mädchen. Theorie und Praxis feministischer Pädagogik. 234 Seiten, Ulrike Helmer Verlag, Königstein/Taunus, 24,90 Euro

Am Beispiel von theoretischem Konzept und praktischer Arbeit des feministischen Mädchentreffs Bielefeld (gegründet 1985) bearbeitet dessen ehemalige Mitarbeiterin Ulrike Graff, nunmehr Geschäftsführer_in der "Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenarbeit in NRW e.V." das Themenfeld feministische Pädagogik: sie postuliert statt "Gleichberechtigung mit Jungen" die "Selbstbestimmung für Mädchen" und plädiert für geschlechtshomogene Strukturen. Im koedukativen Kontext (einer Schule, eines Jugendzentrums) haben geschlechtshomogene Gruppen institutionell einen nachrangigen und häufig sogar diskriminierten Status, den Status von Ergänzung und Kompensation koedukativer Mängel. Übergeordnet und "normal" bleibt die Koedukation. In der erziehungswissenschaftlichen Systematik sollte daher nach Graff die Kategorie "Organisationsform in Bezug auf Geschlecht" eingezogen werden, unter der Monoedukation (Geschlechtshomogenität) und Koedukation als zwei Formen gleichberechtigt nebeneinander stehen.

Ulrike Graff zeichnet die wichtigsten Positionen feministischer Theoretiker_innen zu Themen wie "Verschiedenheit" zwischen Frauen und Mädchen (nicht als Konkurrenz, sondern als Motivation für Begegnung und Austausch), "Parteilichkeit" und "Selbstbestimmung" nach und entwickelt sowohl für Fachfrauen inspirierend als auch für Einsteiger_innen nachvollziehbar ihre theoretische Positionierung in der feministischen Mädchenarbeit. Sehr empfehlenswert. (Claudia Schneider)

 

Hartmann, Jutta (Hg.) (2004): Grenzverwischungen. Vielfältige Lebensweisen im Gender-, Sexualitäts- und Generationendiskurs. 221 Seiten, STUDIA Universitätsverlag, Sozial- und Kulturwissenschaftliche Studientexte Band 9, Innsbruck.

Mit Beiträgen von:
Lothar Böhnisch, Peter Ebel, Sabine Fabach, Edgar Forster, Bettina Fritzsche, Kristina Hackmann, Jutta Hartmann, Barbara Keddi, Christian Klesse, Thomas Kugler, Susanne Luhmann, Andrea Maihofer, Olaf Stuve, Anne Thiemann, Anja Tervooren, Elisabeth Tuider.

Dieses Buch ist eine erweiterte Dokumentation der internationalen Tagung "Grenzverwischungen", die vom 13. - 15. Mai 2004 an der Universität Innsbruck stattgefunden hat.

Der Titel Grenzverwischungen bezieht sich auf die Grenzen zwischen den häufig getrennt voneinander verlaufenden Diskurssträngen zu den sozialen Kategorien Geschlecht, Sexulaität und Generationen. (S. 11) Gängige Denkgewohnheiten sollen irritiert werden, indem die vorherrschenden Zweiteilungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, Homo- und Heterosexualität, traditionellen und alternativen Lebensformen, Erwachsensein und Noch-nicht-Erwachsensein in Frage gestellt werden. (S. 10)

Neben einer theoretischen Auseiandersetzung mit den oben genannten Themen werden Studien vorgestellt und Beispiele aus der Praxis berichtet. Die Themen sind vielfältig und reichen von weiblichen Popfans über die Bedeutung vielfältiger Lebensweisen in systemischer Beratung/Psychotherapie/Supervision bis hin zu einer Reflexion des Verhältnisses von Männlichkeit, Begehren, Sexualität und Macht anhand des Filmes "The Man Who Wasn't There" (um nur ein paar Beispiele zu nennen).

Insgesamt eine vielfältige und spannende Lektüre. Besonders empfehlenswert für Leser_innen, die ein Interesse an Texten haben, in denen Identität, Dekonstruktivismus, Subjektivität, hegemonialer Diskurs, Differenz, Intersubjektivität, Poststrukturalismus,... vorkommen. Aber auch für jene, die mit Begrifflichkeiten dieser Art nicht so vertraut sind, finden sich Beiträge, die anregend zu lesen sind. (Renate Tanzberger)

 

Malz-Teske, Regina/ Reich-Gerick, Hannelore (Hg.) (2004): Frauen und Schule – gestern – heute – morgen. 13. Bundeskongress Frauen und Schule. 497 Seiten, Kleine Verlag, Bielefeld, 24,79 Euro

Der Sammelband enthält die Mehrzahl der Referate, Seminare und Workshops des jüngsten, 20. Deutschen "Frauen-und-Schule"-Kogresses, der im April 2002 in Hamburg stattfand. Die Bandbreite der Themen reicht von "Professionalisierung von Frauen im Bildungswesen" über unterschiedliche Konzepte zu Koedukation, Monoedukation und geschlechtsbewusster Pädagogik, "Gewalt gegen Mädchen und Lehrerinnen" bis zu "Neuen und Alten Medien". Interkulturalität, Bubenarbeit, Sexualpädagogik, Heterosexualität als Norm, hochbegabte Mädchen, Kindergarten, Berufsorientierung, Sportunterricht, Schulleitung, Elternarbeit, ... es gibt keinen roten Faden (bis auf "Geschlecht" oder "Gender") oder eine allen Autor_innen gemeinsame theoretische Verortung – aber gerade das macht das Schmökern so anregend. Viele der altbekannten deutschen Schulfachfrauen sind mit Beiträgen vertreten. Eine Fülle von Praxisprojekten sind in – zugegebenermaßen – sehr geraffter Form dokumentiert und machen Geschmack auf Mehr. Ob der geballten Zusammenstellung könnte die österreischische Pädagogin und Leserin neidisch werden. Diejenige, die den Kongress besucht hat, kann jedoch konstatieren: alle Herausforderungen und Inhalte, die in Hamburg thematisiert wurden, werden auch hierzulande von einer Reihe von engagierten Lehrer_innen qualitätvoll, reflektiert und gendersensibel bearbeitet. (Claudia Schneider)

 

Curdes, Beate/ Jahnke-Klein, Sylvia/ Lohfeld, Wiebke/ Pieper-Seier, Irene (2003): Mathematikstudentinnen und -studenten – Studienerfahrungen und Zukunftsvorstellungen. 294 Seiten, Wissenschaftliche Reihe des NFFG Bd. 5, Norderstedt, 24,80 Euro

Die wesentliche Basis dieser von der Universität Oldenburg ausgehenden Untersuchung stellen Befragungen von mehr als 700 Mathematikstudent_innen an 28 deutschen Universitäten dar. Neben einem quantitativen Teil (Mathematiktests und Fragebögen) wurden qualitative Interviews geführt (über die persönliche Sicht auf die Mathematik bis zur Frage, welche Faktoren beeinflussen, ob eine Promotion überlegt wird).

Auf ca. 30 Seiten findet sich ein Überblick über den Frauenanteil bei diversen naturwissen­schaftlich-mathematischen Studien (Diplom, Lehramt, Promotionen, Habilitationen) und über den Stand der Forschung zu Themen wie "das Bild von Mathematik", "Geschlechter­unterschiede in den Kausalattributionen", "Geschlechterunterschiede in Mathematiktests",...

Weiters werden die Ergebnisse der Mathematiktests und der Tests zum räumlichen Vorstellungsvermögen präsentiert (wenn sich signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern finden, sind diese zum Vorteil der Studenten).

Einen breiten Raum nehmen die Ergebnisse der Fragebogenuntersuchung ein. Insgesamt hat die Untersuchung bereits erwartete Unterschiede zwischen Studentinnen und Studenten bestätigt (z.B., dass sich die Studenten leistungsstärker einschätzen als ihre Kolleg_innen; dass die Frage von Vereinbarkeit von Beruf und Familie von den Studentinnen stärker betont wurde als von ihren Kollegen; dass mehr Studenten als Student_innen promovieren wollen). Es findet sich aber auch Überraschendes (z.B., dass das zu Mathematik beliebteste Fach bei Lehramtstudent_innen Physik ist). Es konnten auch neue Hypothesen formuliert werden, z.B. "dass fachspezifische Gründe wie die Wahrnehmung der eigenen Leistungsfähigkeit oder die während des Studiums gewonnene Beziehung zur Mathematik und zum wissenschaftlichen Arbeiten die Einstellungen zu einer möglichen Promotion im Fach Mathematik wesentlich stärker beeinflussen als die Sorge um eine mögliche Vereinbarkeit mit Familienaufgaben." (S. 149)

Als Ergebnis der qualitativen Untersuchung (Interviews mit 18 Studierenden) werden fünf "Eckfälle" (mit spezifischen Charakteristiken in Bezug auf etwaige Promotionsabsichten) herausgearbeitet: die Forscher_in, die Realist_in, die Grenzgänger_in, die Geradlinige, der_die ewige Student_in.

Als ein zentrales Ergebnis der Frage, wie die Promotionsabsichten von Frauen erhöht werden können, wird abschließend festgestellt: "Es wäre daher wichtig, gute Studienleistungen von Studentinnen nicht nur deutlich zu würdigen, sondern auch die Perspektive auf eine mögliche Promotion und die damit implizierten Berufsfelder ausdrücklich mitzubenennen." (S. 228) (Renate Tanzberger)

Bohn, Irina (2002): Gender Mainstreaming und Jugendhilfeplanung. 88 Seiten, Votum, Münster, 12,90 Euro

Enggruber, Ruth (2001): Gender Mainstreaming und Jugendsozialarbeit. 158 Seiten, Votum, Münster, 10 Euro

Rabe-Kleberg, Ursula (2003): Gender Mainstreaming im Kindergarten. 112 Seiten, Beltz, Weinheim/ Basel/ Berlin, 14,90 Euro

Rose, Lotte (2003): Gender Mainstreaming in der Kinder- und Jugendarbeit. 123 Seiten, Beltz, Weinheim/ Basel/ Berlin, 53, 49 Euro

Die Gleichstellung der Geschlechter als Querschnittsaufgabe der Kinder- und Jugendarbeit ist bereits geraume Zeit professioneller Standard in einigen Institutionen und bei einigen Träger_innen – als geschlechtssensible Pädagogik bzw. gendersensibles Arbeiten. Die Autor_innen der vorliegenden vier Bände der Reihe "Gender Mainstreaming in der Kinder- und Jugendhilfe" beschreiben klar und eindeutig Gender Mainstreaming als darüber hinausgehende, institutionelle Strukturen in den Blick nehmende geschlechterpolitische Strategie. Gender Mainstreaming wird so verstanden als Verfahren, das sich vorwiegend auf die Veränderung von Entscheidungs(findungs)prozessen und Routineverfahren von Organisationen konzentriert; die spezifischen Inhalte und konkreten jeweiligen Ziele der Gleichstellungspolitik müssen durch Erhebung der Bedürfnisse der Zielgruppen und ihrer Lebenslagen mit entsprechenden Umsetzungsverfahren formuliert werden.

Rabe-Kleberg's Band ist in erster Linie eine theoretisch-historische Abhandlung über den Kindergarten als 'gendered institution' und über die Professionsgeschichte der Kleinkindpädagog_innen; weiters liefert sie aktuelle Beispiele für Prozesse des 'doing gender' auf der Strukturebene (z.B. Räume) wie auf der Prozessebene (z.B. Interaktionen).

Bohn stellt detailliert mögliche Instrumente von Gender Mainstreaming vor (Leitbild am Beispiel eines Jugendamts, Qualifizierung, Wissensmanagement, Organisationsentwicklung, Programmplanung und Programmbegleitung und Evaluation). Besonders Enggruber setzt sich kritisch mit GM als Strategie und damit verbundenen Konflikten auseinander. Immer wieder wird auf fehlende inhaltliche Ziele hingewiesen wie auch auf Gefahren des möglichen Missbrauchs (z.B. durch Abschaffung von Mädchenbeauftragten). Schade ist, dass in keinem der Bände bereits vollzogene Gender Mainstreaming-Prozesse nachzulesen sind.

So sind die Texte eher programmatisch, die Umsetzung im eigenen Arbeitsbereich muss sich jede Leser_in selbst erarbeiten. (Claudia Schneider)



Heiliger, Anita (2002): Mädchenarbeit im Gendermainstream.

158 Seiten, Verlag Frauenoffensive, München, 14,90 Euro

Dieses Buch von Anita Heiliger, einer Expert_in im Bereich der Gewaltprävention, die am Deutschen Jugendinstitut in München arbeitet und u.a. maßgeblich an der Münchner Kampagne gegen Männergewalt an Frauen und Mädchen/Jungen beteiligt war, bietet einen gut leserlichen Überblick über mädchenspezifische Ansätze in der Jugendarbeit in Deutschland.

Sie bezieht kritisch Stellung zur scheinbaren Gleichberechtigung von Mädchen und Burschen. „Eine vorherrschende 'Gleichheitsrhetorik' produziere ’Gleichheitsmythen’ und verhindere, dass die real bestehenden Ungleichheiten thematisiert und bearbeitet werden.“ zitiert sie Öchsle/Geissler.

Sie zeigt auf, wo das Konzept des Gender-Mainstreamings genutzt werden kann, aber auch, welche Gefahren es birgt (z.B. das finanzielle Aushungern von mädchenspezifischen Angeboten mit dem Hinweis, dass diese durch das GM obsolet seien).
Sie reagiert sensibel darauf, Mädchen vermehrt zu Täter_innen und Buben zu Opfern zu stilisieren. Und sie zeigt auf, in welchen Bereichen Mädchenarbeit nach wie vor notwendig ist und welche Mädchengruppen speziell angesprochen werden sollten (Mädchen mit Behinderungen, Migrantinnen, lesbische Mädchen).

Heiliger ist eine, die Stellung bezieht und damit sicher auch polarisiert. Beim Lesen tat mir diese Klarheit gut („ja, genau so ist es“), zeitweise tat sie aber auch weh („so schlimm darf es doch nicht sein, was Mädchen immer noch an Gewalt erleben müssen!“).
(Renate Tanzberger)

 

Kessels, Ursula (2002): Undoing Gender in der Schule. Eine empirische Studie über Koedukation und Geschlechtsidentität im Physikunterricht.
256 Seiten, Juventa Verlag, Weinheim/ München, 23,70 Euro

Zu Beginn steht eine Zusammenfassung über Geschlechtsunterschiede in Bezug auf die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer.
Weiter geht es mit einem sozialpsychologischen Kapitel, in dem ein Identitätsmodell vorgestellt wird, das das Selbst als multiple und flexible Struktur auffasst.
Nachdem die Kategorie „Geschlecht“ von verschiedenen Seiten beleuchtet wird, werden Forschungsergebnisse zitiert, die belegen, dass es für das Interesse eines Mädchen an den Naturwissenschaften ungünstig ist, wenn sie sich als Mädchen und den naturwissenschaftlichen Bereich als maskulin wahrnimmt – es sei denn sie hat ein hohes „maskulines Selbstwissen“. [In dem Buch erfährt frau auch, wie dieses gemessen wird!]

Der zweite Teil geht der Frage nach, wie sich ein monoedukativer Anfangsunterricht in Physik auf die Leistung und das Interesse auswirkt – bei Mädchen und bei Buben.

Die These dahinter: für Mädchen wirkt er sich positiv aus, weil es durch den geschlechtshomogenen Unterricht zu einer „geschlechtlichen Entspannung“ kommt. Trotz der – oder genauer gerade durch die – Trennung aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit (also einem institutionellen genderism) kommt es anschließend zu einem „undoing gender“, da das Geschlecht in homogenen Gruppen weniger im Vordergrund steht als in geschlechtsheterogenen Gruppen.

Im dritten Teil wird der Frage nachgegegangen, ob sich Jugendliche in koedukativen Gruppen stärker geschlechtstypisiert beschreiben und ihnen geschlechtsbezogenes Wissen zugänglicher ist als in geschlechtshomogenen Gruppen.

Insgesamt ein spannendes Buch, das zu Diskussionen anregt!
(Renate Tanzberger)

Koch-Priewe, Barbara (Hg.) (2002): Schulprogramme zur Mädchen- und Jungenförderung. Die geschlechterbewusste Schule.
203 Seiten, Beltz Verlag, Weinheim/ Basel, 20,50 Euro

In Österreich werden allerorts Schulprogramme und –profile erarbeitet als zielorientierte Handlungskonzepte für die Verwirklichung einer „guten Schule“.

Dabei wird die Geschlechtszugehörigkeit der Schüler_innen, der Lehrpersonen, aber auch die Wirkmächtigkeit von Strukturen, Rahmenbedingungen und Curricula auf die Geschlechterverhältnisse oft ignoriert. Demokratische Schulentwicklungsprozesse kommen jedoch ohne Gender-Bewusstsein nicht aus.

Der Band versammelt Beispiele für Schulprogramme aus neun Schulen in der Bundesrepublik Deutschland (Grund-, Real-, Gesamtschulen und Gymnasien) und einem Gynmasium in Österreich (Rahlgasse, Wien), in denen die Mädchen- und Jungenarbeit explizit berücksichtigt wird.

Dabei werden weniger theoretische Abhandlungen über Gender-Theorien geliefert, als viel mehr konkrete subjektive Erfahrungsberichte und Rekonstruktionen der einzelnen Autor_innen (meist Lehrer_innen), wie sich die schuleigenen Entwicklungsprozesse vollzogen haben: z.B. von Selbstbehauptungskursen für Schüler_innen, Konzepten zu Lebensplanung und Berufswahlorientierung für Mädchen und Jungen, Konzepten der Jungenförderung, Methoden der Einbeziehung der Eltern, Erfahrungen mit Frauenfortbildungen an der eigenen Schule bis zu den Schwierigkeiten, das Gender-Thema in der Schulprogrammarbeit zu verankern.

Die Leser_in erhält eine Fülle von Anregungen, wie es im Sinne der eingangs erwähnten „Schulqualität“ gelingen kann, eine geschlechterbewusste Praxis in den Schulalltag zu implementieren.
(Claudia Schneider)


Lauggas, Meike (2000): Mädchenbildung bildet Mädchen. Eine Geschichte des Begriffs und der Konstruktionen.
240 Seiten, Milena Verlag, Wien, 17,90 Euro

In ihrer überarbeiteten und erweiterten Diplomarbeit, für die sie den “Gabriele Possanner-Förderpreis” des Wissenschaftsministeriums verliehen bekam, geht Meike Lauggas der Wortentstehungsgeschichte des Begriffs Mädchen sowie dessen, was und wer damit gemeint sein sollte, nach.

Ausgangspunkt ihrer spannenden diskursanalytischen, mentalitätsgeschichtlichen und sprachwissenschaftlichen Untersuchung ist historisches Aktenmaterial: Im Quellenstudium der Akten der Studienhofkommision (Vorläuferin des heutigen Bildungsministeriums) zur Zeit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht in der Habsburgermonarchie im Jahr 1774 kristallisierte sich die Frage heraus, warum in den Akten das Wort Mädchen so unterschiedlich geschrieben wurde (z.B. Mägdchen, Magdgen..), und welches die Worte waren für jene, für die diese Schulen eingerichtet wurden (z.B. künftige Kindsmütter). Warum wurde für weibliche Kinder der Diminuitiv-Begriff, d.h. die Verkleinerungsform Mädchen – und damit das grammatikalisch sächliche Geschlecht – durchgesetzt?

Die Autor_in unterstreicht die Relevanz des Ortes Schule, über den Mädchen als Mädchen erst – öffentliche – Wahrnehmung zuteil wurde; sie stellt die Frage, ob durch die Herausbildung des Wortes Mädchen die Adressat_innen dieser Bezeichnung überhaupt erst ins allgemeine Bewusstsein drangen.

Meike Lauggas entwickelt eine Bildungsgeschichte von Mädchen im doppelten Sinn des Wortes. Sie spannt den Bogen bis zu heutigen riot grrrls-, görl-, girlie-Bewegungen und verdeutlicht damit die Aktualität der Fragen: Was soll eigentlich Mädchen-Kindheit sein? Gibt es die Mädchen? Und schließlich: wie präsentieren Mädchen sich selbst?
(Claudia Schneider)




Lemmermöhle, Doris/ Fischer, Dietlind/ Klika, Dorle/ Schlüter, Anne (Hg.) (2000): Lesarten des Geschlechts. Zur De-Konstruktionsdebatte in der erziehungs-wissenschaftlichen Geschlechterforschung.

279 Seiten, Leske + Budrich, Opladen, 20,60 Euro

Ein Sammelband, den frau am besten nicht nur für sich liest, sondern gemeinsam mit anderen durchdiskutiert.

Vor allem der erste Teil, der sich mit theoretischen Ansätzen der Konstruktion und Dekonstruktion beschäftigt, erfordert ein mehrmaliges Durchlesen: Begriffe wie Differenz, Gleichheit, Verschiedenheit, Unterschiedlichkeit, sex, gender,... werden im Sinne eines historischen, philosophischen und sozialwissenschaftlichen Diskurses beleuchtet.

Im zweiten Teil werden Methoden und methodologische Aspekte (z.B. Biografieforschung, Interviewsituationen) aus de-konstruktivistischer Perspektive beleuchtet.

Im dritten Teil „Forschungs- und Handlungsfelder“ stehen schulische Interaktionen im Vordergrund und widmet sich je ein Kapitel dem Thema „interkulturelle Pädagogik“, „Behinderung“, „Lebensformen“.

Wer Sätze der Art „Die dekonstruktivistische Kritik im Feminismus richtet sich gegen die sex-gender-Trennung und essentialistische Weiblichkeitsvorstellungen, die das biologische Geschlecht naturalisieren, weil es als unhinterfragbare Grundlage des sozialen Geschlechts angenommen wird.“ gerne liest, hält hiermit das richtige Buch über den Einzug der höchst spannenden De/Konstruktions-Debatte in die Erziehungswissenschaften in den Händen.
(Renate Tanzberger)

 

Pipher, Mary (1999): Pubertätskrisen junger Mädchen und wie Eltern helfen können. Übersetzt von Bruni Röhm und Almuth Carstens.
400 Seiten, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M., 9,80 Euro

Die Autor_in, US-amerikanische Psycholog_in und Psychotherapeut_in, behandelt in ihrem Buch die Phase der Adoleszenz von Mädchen und damit einhergehende Krisen wie Depressionen, Neurosen, Essstörungen, Suchtverhalten, aber auch ganz alltägliche Probleme von Mädchen in der Pubertät.

Die Ursachen dafür sieht sie in den widersprüchlichen Rollenerwartungen, dem Druck der herrschenden gesellschaftlichen Strukturen, unter dem die Mädchen “ihr authentisches Selbst ablegen und nur einen kleinen Teil ihrer Fähigkeiten entfalten”.

Vor allem durch die Analyse von sexistischen, alltäglichen Frauendarstellungen in Werbung, Film, Video-Clips oder Song-Texten - der medialen Umwelt der Mädchen - macht sie diese und die Leserin sensibel für mädchen- und frauenverachtende Kultur: ‘lookism’ (d.h. die Beurteilung einer Person einzig nach ihrem Äußerem) wird ebenso problematisiert wie z.B. Diskriminierungserfahrungen von Mädchen durch männerorientierte Lehrinhalte in den Schulen und die herrschende Koedukationspraxis.

In den exemplarischen Fallgeschichten werden Mädchen mit unterschiedlichsten Erfahrungen vorgestellt, z.B. ein Adoptivmädchen, ein lesbisches Mädchen, Töchter alleinerziehender Mütter oder Väter.

Es ist kein psychoanalytisch-theoretisches Buch. Für die Leser_in ist es allerdings in der Fülle von Einzelbiographien schwierig, den roten Faden zu behalten.
Die Autor_in vermittelt die Notwendigkeit der Empathie sowohl für die Mädchen als auch für die Eltern, v.a. die Mütter, um einen Prozess begleiten zu können, in dem Mädchen sich “ihr wahres Selbst erhalten” und eine “Identität, die auf ihren Talenten oder Interessen basiert und nicht auf ihrem Aussehen, ihrer Beliebtheit oder ihrer Sexualität”. (Claudia Schneider)

 

Rendtorff, Barbara/ Moser, Vera (Hg.) (1999): Geschlecht und Geschlechterverhältnisse in der Erziehungswissenschaft.
327 Seiten, Leske + Budrich, Opladen, 25,60 Euro

Geschlecht war in der Pädagogik immer schon ein relevantes Thema. Liest frau z.B. die Schriften von Rousseau und Pestalozzi, finden sich dort unterschiedliche Erziehungsideale für Mädchen und Burschen.

Das Geschlechterverhältnis ist von Natur aus ein hierarchisches und die Geschlechtscharaktere von Frau und Mann sind als polare zu denken - und danach wird auch die Erziehung ausgerichtet.
Dem stehen die Forderungen der 1. Frauenbewegung nach Gleichstellung und Zugang zu "höherer" Bildung gegenüber - wobei manche Richtungen auf die wesenhaften Unterschiedlich-keiten von Frau und Mann beharrten.

Heute ist dieses Thema nach wie vor aktuell, neue Sichtweisen sind hinzugekommen: sind Frauen und Männer gleich oder different, sind Mädchen/Frauen defizitär oder die besseren Menschen, wie/lassen sich Gleichheit und Differenz zusammendenken, sollte die Zweigeschlechtlichkeit nicht prinzipiell als konstruiert entlarvt werden,...?

Der Sammelband bietet - für an Theorie Interessierte - eine gute Einführung zu "Geschlecht als Kategorie", er bemängelt, wie wenig sich die moderne Erziehungswissenschaft dem Thema bis jetzt gestellt hat und zeigt, wie Geschlechterforschung in verschiedene Teildisziplinen Eingang finden könnte.
(Renate Tanzberger)

 

Breidenstein, Georg/ Kelle, Helga (1998): Geschlechteralltag in der Schulklasse – Etnographische Studien zur Gleichaltrigenkultur.
287 Seiten, Juventa Verlag, Weinheim/ München, 23,70 Euro

Beforscht wurde die peer culture von 9-12jährigen Mädchen und Buben zweier Klassen der Laborschule in Bielefeld.
Ziel war es, anstatt die Bedeutsamkeit der Geschlechtsunterschiede vorauszusetzen, sie als empirische Frage zu behandeln. Es sollten Situationen erfasst werden, in der die Geschlechterunterscheidung Bedeutung hat.

Besonderes Augenmerk wird auf die Ordnung der Schulklasse (durch Gruppenbildung bei Spielen, Verteilungen auf Tische oder Zimmer, bei der Frage der Beliebtheit und bei Freundschaftsinszenierungen) und Szenerien der Geschlechterunterscheidung (beim Thema Sexualität, Verliebtheit, Paarbildung, Ärgern, Lästern, Verkleiden,...) gerichtet.

Die Mädchen und Buben kommen z.T. selbst zu Wort, breiten Raum nehmen die Beobachtungen von Autorin und Autor der Studie sowie deren Interpretationen des Geschehens ein, wobei sich die Forschenden der Schwierigkeit bewusst sind, eine Balance zwischen dem Eintauchen in die Alltagswirklichkeit der Kinder und der Notwendigkeit einer analytischen Distanzierung zu finden.

Das Buch ist vor allem jenen zu empfehlen, die Situationen, in denen Geschlechterunterscheidungen deutlich zu Tage treten, bewusster wahrnehmen wollen. Wer sich durch das Lesen des Buches erhofft, Anregungen zu bekommen, wie im Schulalltag auf geschlechtstypisches Verhalten von Mädchen und Burschen eingegangen werden könnte, kommt nicht auf ihre Rechnung.
(Renate Tanzberger)


Markert, Dorothee (1998): Momo, Pippi, Rote Zora ... was dann? Leseerziehung, weibliche Autorität und Geschlechterdemokratie.
342 Seiten, Ulrike Helmer Verlag, Königstein/Taunus, 21,00 Euro

Dieser Text stellt eine gelungene Mischung zwischen Theorie und Praxis dar. Die Autor_in analysiert Begriffe wie Mädchenliteratur, Vorbild, Leser/in,..., beleuchtet die Bedeutung des Lesens für Mädchen und für Burschen, thematisiert pädagogisches Handeln im Spannungsfeld zwischen Gleichheit und Differenz, Bindung und Freiheit und stellt eine Befragung von Hauptschüler_innen über deren Vorbilder in der Kinder- und Jugendliteratur vor.

Ein Herzstück des Buches stellt jenes Kapitel dar, in dem sieben Kriterien für die Auswahl von Kinder- und Jugendbüchern, die eine Demokratisierung der Geschlechterverhältnisse unterstützen können, vorgestellt werden.
Schlüsselelemente sind dabei die Begriffe "Bindung", "Respekt", und "weibliche Autorität".

Mit 18 positiven Beispielen aus der Literatur werden die Kategorien (Bindung in einer Beziehung zwischen zwei männlichen Personen, weibliche Autorität in einer Beziehung zwischen einer weiblichen und männlichen Person, Respekt in einer Beziehung zwischen zwei weiblichen Personen,...) anschaulich präsentiert.

Am Ende wird in einer Liste von 270 analysierten Kinder- und Jugendbüchern angeführt, welche der Kategorien in dem jeweiligen Buch vorkommen. Unbedingt empfehlenswert für Deutschlehrer_innen und Personen, die gerne Kinder- und Jugendbücher an Mädchen/Buben verschenken (oder selber lesen)! Und eine gute Anregung, über die eigenen Lesevorbilder nachzudenken!
(Renate Tanzberger)


Nissen, Ursula (1998): Kindheit, Geschlecht und Raum. Sozialisationstheoretische Zusammenhänge geschlechtsspezifischer Raumaneignung.
259 Seiten, Juventa Verlag, Weinheim/ München, 20,10 Euro

Wie erfolgt im Zuge des Sozialisationsprozesses die Verbindung von Aneignung der sozialräumlichen Bedingungen mit der Entfaltung der individuellen Persönlichkeit?

Auf der Grundlage der ausführlichen Präsentation von Konzepten zur (geschlechtsspezifischen) (politischen) Sozialisation versucht die Autor_in die Frage nach der Mitwirkung des eigenaktiven autonomen Subjekts an seiner eigenen Sozialisation zu klären.

Nach einer geschlechterdiffenzierenden Analyse der Begriffe Raum, Öffentlichkeit und politische Partizipation von Mädchen und Frauen folgert Ursula Nissen: Sozialisationsprozesse im Sinne positiver Aneignung der öffentlichen Freiräume sind für Mädchen grundsätzlich erst dann möglich, wenn die sich im öffentlichen Freiraum ausdrückende sexuelle Mißachtung von Mädchen (und Frauen), ihre Degradierung zum Objekt durch Belästigung, Anmache und Gewalt verschwunden ist und Mädchen sich ungehindert, unbeaufsichtigt und ohne Bedrohung in diesen Räumen bewegen können.

Wer daran interessiert ist, sich (wieder) intensiver mit Sozialisationstheorien und daraus abgeleitet den Bedingungen und Voraussetzungen für die Beteiligung von Mädchen und Frauen in öffentlichen Räumen auseinanderzusetzen, um für die eigenen Arbeitsbereiche Anregungen zum Weiterdenken zu erhalten, derjenigen ist dieses Buch zu empfehlen - schnelle Rezepte zur Umsetzung in der Praxis bietet es nicht.
(Claudia Schneider)