Publikationen - Rezensionen zu
Bildung und Migration - Aleksandra Alund


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Aleksandra Ålund: Buch, Brot und Denkmal - "Ethnic Memory" bei jugendlichen Migrantinnen der 2. Generation.
In: Migration, Biographie und Geschlechterverhältnisse. Ursula Apitzsch, Mechtild M. Jansen (Hg.). Westfälisches Dampfboot, Münster 2003, S. 38-64. ISBN 3-89691-706-4, Preis: 20,50 €


Davon ausgehend, dass MigrantInnen der zweiten Generation ihre Identitäten innerhalb eines Spannungsfeldes mehrdimensionaler und widersprüchlicher Normvorstellungen sowie Erwartungshaltungen bauen, stellt sich die zentrale Frage nach dem Wie dieses Prozesses, die sowohl für die Sozialwissenschaften als auch für die sozialen Praxen - wie etwa innerhalb der Institution Schule - von spannendem Gehalt zu sein verspricht. Die oftmals in dem Alltagsverständnis vorherrschende Auffassung, Identitäten seien etwas - qua Geburt und/oder Nationalität - Gegebenes, versperren jedoch die Sicht auf die für den Identitätsbildungsprozess notwendige Eigenaktivität der Individuen sowie auf die Widersprüchlichkeiten, Ambivalenzen und Schwierigkeiten innerhalb dieses Prozesses.

Die in Schweden lehrende Sozialwissenschaftlerin Aleksandra Ålund hat sich in ihrem Aufsatz Buch, Brot und Denkmal mit der Frage der Identitätsbildung jugendlicher Migrantinnen der zweiten Generation auseinander gesetzt. Als Ausgangspunkt ihrer Überlegungen bezieht sie sich auf die These, dass Jugendliche, die einer ethnischen Minderheit angehören, das Potential haben, eine transkulturelle Identität aufzubauen, und damit traditionelle Vorstellungen von Identität als angeborene, starre Konstante unterminieren können. Jener Auffassung von Identität stellt die Autorin daher ein Verständnis von Identität (und daraus abgeleitet auch von Ethnizität selbst) als Produktion entgegen, da nach Ålund der Aufbau von Identität einen aktiven und bewussten Prozess darstellt, der "die Anwesenheit der Vergangenheit in der Gegenwart" (ebd., S. 40) mittels Konstruktion, Dekonstruktion und Rekonstruktion ermöglicht. Nach der Autorin stellt dieser Identitätsbegriff die Grundlage einer Gesellschaft dar, die ihre transkulturellen Potentiale entwickeln kann.

Ålund argumentiert, dass bei diesem Prozess der Herstellung von Identität der "ethnischen Erinnerung" eine zentrale Rolle zukommt, in welcher und durch welche sich Kollektives mit Persönlichem, Symbolisches mit Konkretem, Imaginiertes und Reales und Vergangenes mit Aktuellem verbinden lässt. Dieser ethnischen Erinnerung schreibt Ålund sicherheitsgebende Funktion zu innerhalb der durch Ambivalenz zwischen Kontinuität und Wandel gekennzeichneten Lebenssituationen der MigrantInnen. In diesem Zusammenhang verweist die Autorin darauf, dass dieses Spannungsfeld durch das Zusammenspiel der Faktoren Ethnizität, Geschlecht und Jugend entlang mehrerer widersprüchlicher Linien verläuft. Dabei arbeitet die Autorin heraus, dass Geschlecht in diesem Zusammenhang eine zentrale Schlüsselkategorie für Migrantinnen darstellt, da insbesondere in dem Definitionsprozess von Weiblichkeit dieses Spannungsfeld zwischen Erwartungen aus der "Herkunftskultur" und den Normen des Einwanderungslandes als ein Feld zwischen Beschränkung und Selbstbestimmung deutlich hervor tritt.

Um zu erarbeiten, wie jugendliche Migrantinnen diese Fragmente aus Vergangenem und Gegenwärtigem aus verschiedenen Kulturen so für sich verbinden, dass dieses Spannungsfeld lebbar wird, führt Ålund qualitative Interviews mit drei Migrantinnen durch, die sie mit aus der Psychologie und insbesondere der Psychoanalyse entlehnten Begrifflichkeiten zu interpretieren versucht. Diese Auswertung allerdings bleibt nach meinem Verständnis an Ålunds eigenem Anspruch gemessen lückenhaft, weil die Frage, wie Migrantinnen mit diesen widersprüchlichen Elementen ihre Identität aufbauen, letztlich unbeantwortet bleibt, da die Autorin in diesem Zusammenhang auf Metaphern in den Erzählungen der Interviewten ausweicht und diese als Füllworte stehen lässt, die nicht weiter bearbeitet werden. So bleibt die Autorin bei der Auswertung der Interviews letztlich der deskriptiven Ebene verhaftet und enthält analytische Erklärungsansätze vor.

Demnach lässt sich zusammenfassend konstatieren, dass die Autorin mit ihrer Argumentation, Identität als Produktion zu begreifen, für die Sozialwissenschaften und alltäglichen Praxen einen bedeutenden Ansatz darstellt, da so die Aktivität der Handelnden sowie die Schwierigkeiten darin sichtbar werden, auf der Ebene der Erklärungen allerdings bleiben weitere Präzisierungen noch ausständig.

Zur Rezensentin:
Mag.a Gundula Ludwig, geb. 1979. Studium der Erziehungswissenschaften/ Kritische Geschlechter- und Sozialforschung in Wien, Innsbruck, Berlin und New Orleans. Zur Zeit Dissertationsstudium am Politikwissenschaftlichen Institut der Universität Wien


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