Publikationen - Rezensionen zu
Bildung und Migration - Elsabeth Andessner


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Elisabeth Andeßner, Nilüfer Sözer: Analyse des türkischen und österreichischen Schulsystems. Auswirkung auf MigrantInnenkinder.
In: Frauen im Fremdland. Miteinander Lernen - Birlikte Ögrenelim (Hg.). Promedia Verlag, Wien 1995, S. 112-123. ISBN 3-900478-94-5, Preis: 15,90 €


Der Ausgangspunkt für ihren Vergleich des österreichischen und türkischen Schulsystems, der in türkisch- und deutschsprachiger Version in dem Sammelband Frauen im Fremdland des Vereins Miteinander Lernen erschienen ist, liegt für die beiden Autorinnen in der Annahme, dass in industrialisierten Gesellschaften die Schule neben der Familie die wichtigste Sozialisationsinstanz darstellt. So fungiert Schule nicht nur als Institution der (jeweils kulturell spezifischen) Wissensvermittlung, sondern darüber hinaus auch als Ort der Übermittlung von historisch-kulturellen Tradierungen. Daher wird die Institution Schule von den darin Handelnden mit bestimmten Erwartungshaltungen und Ansprüchen besetzt. Durch den Vergleich der beiden Schulsysteme, den die Autorinnen sowohl mit historischen als auch aktuellen Daten fundieren, stellen Andeßner/ Sözer eine Grundlage für Erklärungen bereit, wie sich diese in Abhängigkeit nationaler, ethnischer und kultureller Hintergründe unterscheiden.

Aus der Gegenüberstellung der Schulsysteme dieser beiden Ländern lässt sich entnehmen, dass die größten Unterschiede bei der SchülerInnenanzahl, der Infrastruktur innerhalb der Schule (einschließlich der Qualifikation und des Ansehens der LehrerInnen sowie der Unterrichtsmaterialien) sowie der Definition angebrachter erzieherischer Maßnahmen liegen. Darüber hinaus konstatieren Andeßner/ Sözer, dass - obwohl der Gleichheitsgrundsatz auch im türkischen Schulgesetz explizit zum Ausdruck gebracht wird - es in der Türkei "noch immer sehr große ökonomische, regionale und geschlechtsspezifische Unterschiede (gibt)" (ebd., S. 115). Da dies nach den Autorinnen in Österreich zumindest in einem signifikant geringeren Ausmaß der Fall ist, schließen sie, dass für MigrantInnen das österreichische Schulsystem "Vorteile" gegenüber dem türkischen aufweist. Von dieser Feststellung ausgehend stellen sich die Autorinnen die Frage, ob "MigrantInnenkinder die Vorteile des österreichischen Schulsystems nützen (können)" (ebd., S. 116). Die explizite Beantwortung dieser Fragestellung lassen sie jedoch offen und verweisen stattdessen auf die Notwendigkeit, schulische Hilfestellungen mit der Aufhebung ökonomischer, sozialer und legislativer Benachteiligungen "außerhalb" des Schulbereichs zu verbinden, ehe es den SchülerInnen möglich werden kann, sich Vorteilhaftes aus dem österreichischen Schulsystems zu Nutze zu machen. In diesem Zusammenhang stellen sie das Konzept des Vereins Miteinander Lernen vor, für dessen Arbeit dieser mehrdimensionale Zugang handlungsleitend ist.

Der Nutzen dieses Beitrags liegt nach meinem Dafürhalten darin, eine Grundlage für interkulturelle Verständnisprozesse bereit zu stellen, indem er darlegt, wo in einem Vergleich zwischen der Türkei und Österreich unterschiedliche kulturelle Besetzungen des Schulsystems (und daraus folgend: unterschiedliche Erwartungen an die Institution und den darin Handelnden) liegen. Dies stellt eine wichtige Voraussetzung für AkteurInnen innerhalb des Schulsystems sowohl für die Arbeit mit den SchülerInnen als auch insbesondere mit Eltern verschiedener nationaler, ethnischer und kultureller Biographien dar. Allerdings - und darin liegt nach meinem Dafürhalten die Leerstelle dieses Artikels - stellt ebendieser mit diesem Vergleich nur die Grundlagen dafür bereit, während sich die Autorinnen bei dem Ziehen von Schlüssen, wie diese unterschiedlichen Erwartungshaltungen und Ansprüche an die Institution Schule nun in dem konkreten Beziehungsfeld zwischen SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen zum Tragen kommt, zurückhaltend verhalten, sodass der Untertitel des Artikels - Auswirkungen auf MigrantInnenkinder - letztlich uneingelöst bleibt.

Zur Rezensentin:
Mag.a Gundula Ludwig, geb. 1979. Studium der Erziehungswissenschaften/ Kritische Geschlechter- und Sozialforschung in Wien, Innsbruck, Berlin und New Orleans. Zur Zeit Dissertationsstudium am Politikwissenschaftlichen Institut der Universität Wien


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