Publikationen - Rezensionen zu
Bildung und Migration - Susanne Binder


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Binder Susanne: Migration, Segregation, Integration. Konzept und Praxis Interkulturellen Lernens aus ethnologischer Perspektive. Ein Vergleich zwischen Österreich und den Niederlanden. Dissertation, 414 Seiten, Wien 2003


Vorweg:

Obwohl in dieser Dissertation nur in wenigen Passagen Genderaspekte im Mittelpunkt stehen, haben wir uns entschlossen, diese Dissertation hier aufzunehmen. Und zwar aus mehreren Gründen:

  • Erstens, weil hier (neben den Niederlanden) Österreich im Mittelpunkt steht (sowohl bei den Interviews als auch durch die Beschreibung des Unterrichtsprinzips "Interkulturelles Lernen") und wir ohnehin wenig Literatur speziell zur Bildungssituation von Mädchen mit Migrationshintergrund in Österreich gefunden haben.
  • Zweitens, weil in dieser Dissertation die Vielfalt und Komplexität des Themas "Interkulturalität" aufgezeigt wird (durch die theoretische Auseinandersetzung, aber auch durch die Anmerkungen von Frau Binder z.B. bei den Unterrichtsbeobachtungen und Interviews).
  • Drittens, weil sich ein Kapitel explizit mit Mädchen beschäftigt (Kapitel 8.3.1.: Ethnische Zuschreibungen am Beispiel muslimischer Mädchen).
Insgesamt ist die Dissertation sehr lesenswert und kann wärmstens empfohlen werden.

Kurzbeschreibung des Inhalts:

Die Dissertation beruht auf Daten, die Susanne Binder im Rahmen einer 1 -jährigen Feldforschungszeit in Österreich und den Niederlanden gesammelt hat, indem sie Klassen in Wien, Niederösterreich und den Niederlanden besuchte, LehrerInnen und Schulleitungen interviewte, Fragebögen an SchülerInnen und Eltern verteilte,...

Im ersten Kapitel geht es um theoretische Ausgangspunkte und methodische Ansätze, im zweiten um die methodischen Zugänge und die empirische Datenerhebung der Autorin. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit Schulpolitik und Schulsystem insbesondere unter dem Blickpunkt kultureller Pluralität. Es folgt eine Darstellung des niederländischen Schulsystems. Im Kapitel "Jugendkultur" wird an Hand von zwei Praxisbeispielen aufgezeigt, wie sich interkulturelle Diskurse im Klassenzimmer gestalten können. Die Kapitel "Identität im Kontext Schule", "Interkulturelles Lernen als Unterrichtsprinzip", "Umsetzung von Interkulturellem Lernen in der Praxis" und "Sprache und Sprachgebrauch im schulischen Kontext" erzählen aus der schulischen Praxis. Das Kapitel "Neue Ansätze und Anblicke" widmet sich kritisch neuen Entwicklungen aus den Niederlanden. Am Ende steht ein resümierender Vergleich zwischen der Schulpolitik und Schulpraxis in Österreich und den Niederlanden.

Was mir an dem Buch gefallen hat:

Wie bereits oben angemerkt, finde ich die gesamte Dissertation spannend. Besonders anregend habe ich die Interviewpassagen und die Beispiele aus den Klassenzimmern (sowohl in den Niederlanden als auch in Österreich) gefunden. Hier habe ich mir oft die Frage gestellt: Wie hätte ich als Lehrerin reagiert, wie hätte ich mich da als Schülerin eingebracht,...?

Die Problematik Interkultellen Lernens, nämlich die kulturellen Hintergründe der SchülerInnen miteinzubeziehen ohne dadurch Zuschreibungen zu verstärken, erinnerte mich immer wieder an die Genderthematik: "Wie kann ich im Unterricht das Geschlecht der SchülerInnen miteinbeziehen ohne dadurch Zuschreibungen wie Mädchen bzw. wie Burschen sind zu verstärken?".

Angenehm finde ich es, dass auch Beispiele eines "gelungenen" interkulturellen Lernens gebracht werden, nämlich eines Lernens auch von Seiten der Schule. Als ein Beispiel wird ein Direktor einer Volksschule angeführt, der sich bemüht "das Problem, dass viele muslimische Schülerinnen nicht am Schwimmunterricht teilnehmen wollen/dürfen in seiner Gesamtheit wahrzunehmen und nicht auf Ethnizität und Kultur zu reduzieren, indem er in Gesprächen mit muslimischen Eltern zu klären versuchte, wo ihre Befürchtungen liegen, wenn die Mädchen am Schwimmunterricht teilnehmen. Die Öffnung gegenüber den Eltern, das Ernstnehmen ihrer Anliegen, ihrer Ängste, ihrer Bedenken und das Gespräch darüber führte zu Einsichten auf beiden Seiten." (S. 157)

Und ich fand es immer wieder wohltuend, wie die Autorin der Komplexität des Themas Interkulturalität Rechnung trägt, indem sie im Zusammenhang mit einer Unterrichtsbeobachtung z.B. schreibt "Probleme mit SchülerInnen aus Migrationsverhältnissen aus sozial niedriger Schicht wurden kulturell interpretiert, Sachlagen wurden 'ethnisch reduziert'". (S. 175) Oder an anderer Stelle darauf hinweist, dass für SchülerInnen mit Migrationshintergrund oft Identifikationsfiguren in der Schule fehlen (mehrsprachige LehrerInnen; Schulbücher, in denen auch Mädchen und Burschen verschiedenen kulturellen Hintergrunds vorkommen,...).

Da Dissertationen nicht für alle gleichermaßen zugänglich sind, möchte ich zum Abschluss noch einen Tipp anführen:

Literaturhinweis

Thomas Fillitz (Hg.): Interkulturelles Lernen. Zwischen institutionellem Rahmen, schulischer Praxis und gesellschaftlichem Kommunikationsprinzip. Vom BMBWK hg. in der Schriftenreihe Bildungsforschung 18, StudienVerlag, Innsbruck 2003.

Darin finden sich auch Beiträge von Susanne Binder sowie ein Fragebogen für SchülerInnen, der auch in der eigenen Klasse eingesetzt werden könnte, um mehr über das Leben der SchülerInnen mit (und ohne) Migrationshintergrund zu erfahren.

Zur Rezensentin:
Mag.a Renate Tanzberger, Lehramtsstudium Mathematik und Geschichte, Mitarbeiterin und Obfrau des Vereins zur Erarbeitung feministischer Erziehungs- und Unterrichtsmodelle (EfEU).


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