Publikationen - Rezensionen zu
Bildung und Migration - Johanna Ehlers


  zurück zu Rezensionen zu Bildung und Migration  
     


 

 

Johanna Ehlers, Ariane Bentner und Monia Kowalczyk (Hg.): Mädchen zwischen den Kulturen. Anforderungen an eine interkulturelle Pädagogik.
Edition Hipparchia, Frankfurt 1997. 250 Seiten, ISBN 3-88939-611-9, Preis: 27,60 €

Das Buch ist die Dokumentation des gleichnamigen Modellprojektes in der wissenschaftlichen Weiterbildung von LehrerInnen, das 1995/1996 in der Stadt Mainz durchgeführt wurde. Es beinhaltet verschiedene Aufsätze, nachfolgend ist der Großteil davon rezensiert.

Kapitel 1 - Einführung

"Mädchen zwischen den Kulturen - Überblick über das Modellprojekt" von Johanna Ehlers und Monika Kowalczyk

Die einzelnen Themen der Aufsätze in dem Buch werden hier angeschnitten und zusammengefasst. Zu Beginn wird der Frage nach einem einheitlichen Kultur-Begriff nachgegangen. In der Folge wird die Bedeutung der Sprache für die Persönlichkeitsentwicklung und die möglichen Folgen von Bilingualität aufgezeigt. Im Anschluss geht es um das Thema "Familienarbeit in Theorie und Praxis". Der letzte Teil des Aufsatzes beschäftigt sich mit der theoretischen Diskussion zur multikulturellen Pädagogik. Hier wird auf die Gefahren der Kulturalisierung und der Ethnisierung durch einen verengten Blick allein auf die Kultur und die ethnische Herkunft, aufmerksam gemacht. Es ist möglich, dass durch die interkulturelle Pädagogik die Bildung von Stereotypisierungen und Erklärungsmustern gefördert wird. Die einzelnen Themen werden in den Aufsätzen ausführlich behandelt.

"Alles Normal - Gefühle auf Umwegen" von Sevdiye Yldiz

Die Autorin ist mit 13 Jahren von einem kleinen türkischen Dorf zu ihrer Familie nach Deutschland gereist und beschreibt - von diesen Erfahrungen und von ihrer Arbeit mit Mädchen ausgehend - Konflikte mit denen "nichtdeutsche" Mädchen leben und welche Strategien sie entwickeln, um mit dieser Situation umzugehen. Die Autorin stellt auch fest, dass es kaum interkulturelle PädagogInnen-Teams gibt. Einen Austausch zwischen deutschen und nichtdeutschen Fachkräften hält sie für außerordentlich wichtig.

Kapitel 2 - Situation von Mädchen im Kulturvergleich

"Mädchen zwischen den Kulturen" von Farideh Akashe-Böhme

Ein absolut lesenswerter und interessanter Beitrag!

Die Kultur ist prägend für das Alltagsverhalten und die Wertvorstellungen. Bei Mädchen zwischen den Kulturen handelt es sich um Mädchen im Übergang von einer Kultur zur pluralistischen Moderne, die v.a. von Aufklärung, Moderne und technische Zivilisation dominiert wird. (Die Autorin betrachtet den Begriff "pluralistische Moderne" kritisch und meint nicht unbedingt Fortschritt damit.)

Probleme, die Mädchen der zweiten Generation durchmachen, sind Probleme die Jugendliche in der Adoleszenzphase ohnehin durchmachen müssen. Es geht also nicht um Probleme der Integration in eine fremde Welt - wie bei Angehörigen der ersten Generation -, sondern um Konflikte mit den Eltern im Bestreben nach Selbständigkeit.

Bei der Frage nach der Identität der Mädchen aus 2. Generation kommt es oft zu einer Identitätsdiffusion. Einerseits fühlen sich die Mädchen als Deutsche. Eine vollständige Identifikation ist aber nicht möglich, weil ihnen politische Mitwirkungsrechte vorenthalten werden. Das wirft die Mädchen auf ihr Elternhaus und allgemeiner auf ihre Ethnie zurück. Aber auch hier ist eine volle Identifikation nicht mehr möglich. So werden die Mädchen im permanenten Status des Fremdseins gehalten.

Die Autorin schlägt Behutsamkeit vor, wenn überlegt wird, wie Pädagogik die heranwachsenden Mädchen bei der Bewältigung ihrer Situation unterstützen kann. Sie erachtet es als wichtig, die materiellen Lebensmöglichkeiten und sozialen Kompetenzen der Mädchen zu stärken und zu entwickeln.

"Kulturelle und religiöse Normen und ihre Auswirkungen auf Körperlichkeit bei Mädchen" von Filz Kiral

In dem Aufsatz geht es um das Wertesystem der türkischen Tradition, das sich im Alltag vom "westlichen" Wertesystem in folgenden Punkten unterscheidet:

die zentrale Rolle von Ehe und Familie,

patriarchisch geprägte Rollenzuweisung,

damit verbundene Begriffe von Sittsamkeit und Ehre.

Anmerkung: In diesem Beitrag wird die Lebenswelt türkischer Familien oft klischeehaft dargestellt.

"Genauso - aber doch anders. Aussiedlermädchen zwischen den Kulturen" von Monika Kowalczyk

Es wird auf die historische Situation von AussiedlerInnen eingegangen und die Frage gestellt, ob überhaupt von einem einheitlichen Kulturkreis ausgegangen werden kann.

Junge Mädchen fühlen sich dem Herkunftsland (Polen/Russland/Rumänien) zugehörig und haben daher oft Bedenken gegen die Entscheidung der Eltern nach Deutschland auszuwandern. In Deutschland zählen sie zu einer Randgruppe und werden als Polen/Russen/Rumänen stigmatisiert. AussiedlerInnen haben zwar rechtlich einen anderen Status als andere MigrantInnen, müssen sich aber mit ähnlichen Problemen (wie dem Gefühl nicht dazuzugehören und anders zu sein) auseinandersetzen.

Anmerkung: Dieser Artikel ist hauptsächlich für LehrerInnen, die in Deutschland unterrichten, relevant.

Kapitel 3 - Modelle Interkulturelle Pädagogik

"Das sind wir" von Gudula Mebus

Hier geht es um ein Unterrichtsprojekt "Das sind wir", das von folgender Perspektive ausgeht: Nicht Probleme im multikulturellen Zusammenleben stehen im Vordergrund, sondern erfahrungsorientierte Ansätze, die auf positive Perspektiven setzen:

Stärkung der Kinder im Aufbau ihrer persönlichen positiven Identität

Vielfalt kann spannende Anregungen für das Zusammenleben und das Lösen von Konflikten bieten.

Es geht um die positive Wahrnehmung von Vielfalt. Das Projektpaket

richtet sich an LehrerInnen der Klassen 4-6 (Deutsch, Sozialkunde, Religion, Darstellendes Spiel, Kunst u.a.),

soll über einen längeren Zeitraum (bis zu zwei Jahre) regelmäßig wiederkehrender Bestandteil des Unterrichts werden,

richtet sich an alle Kinder, denn auch deutsche Kinder können sich fremd fühlen.

Das Projektpaket besteht aus einem Handbuch für LehrerInnen, 30 Lesebüchern mit Geschichten für SchülerInnen und einem Videofilm.

Kapitel 4 - Interkulturelle Mädchenarbeit - Mädchenförderung innerhalb und außerhalb der Schule

"Wer hätte das gedacht, Mädchen sind nicht gleich Mädchen" von Nicole Kraheck

Der Aufsatz bietet eine gute Zusammenfassung über die Auswirkungen der Koedukation (gemeinsamer Unterricht für Mädchen und Jungen.

Mädchen bekommen nicht genügend Aufmerksamkeit seitens der Lehrpersonen

Mädchen werden häufiger wegen schlechter Leistungen getadelt und bekommen nur selten Lob aufgrund guter Leistungen

Unterrichtsinhalte richten sich nicht nach den Mädchen und ihren Erfahrungen

Bei der spezifischen Situation ausländischer Mädchen verfällt die Autorin - meiner Ansicht nach - in Klischees und Verallgemeinerungen und beurteilt kulturelle Unterschiede aufgrund der Herkunft ohne z.B. sozioökonomische Faktoren mit einzubeziehen.

"MABILDA e.V. Mädchenprojekt" von Nicole Kraheck

In dem Projekt geht es darum, Mädchen dahingehend zu unterstützen, dass sie ihr Recht auf freie Lebensgestaltung und eigenständige Entwicklung nutzen. Lernziele sind langfristig angelegte Vermittlung selbstbehauptender Fähigkeiten und die Entwicklung von Lebensbewältigungs- und Konfliktlösungsstrategien. Das Projekt konzentriert sich in der Arbeit auf die Bereiche:

1. Lebensplanung

2. Selbstbehauptung

3. Körperarbeit

Das Projekt setzt nicht an den individuellen Defiziten der Mädchen an, sondern lenkt die Aufmerksamkeit auf die strukturellen Defizite. Leider verfällt die Autorin auch hier oft in kulturelle Zuschreibungen, die auf Vorurteilen beruhen. Z.B. "Die türkischen Mädchen fühlen sich allesamt verantwortlich für den Bereich Familie und Haushalt." (Seite 107) - Das trifft auch auf viele deutsche Mädchen oder Mädchen aus anderen Herkunftsländern zu und es ist anzunehmen, dass es nicht für alle türkischen Mädchen gilt!

Interessant ist das Curriculum für die Fortbildung von Lehrerinnen zum Thema Mädchenförderung (Seite 112ff). Den Lehrerinnen soll die Möglichkeit gegeben werden, für sich zu klären, woher ihr Engagement für Mädchenförderung kommt. Aber auch Strukturen, die sie z.B. daran hindern mehr für die Förderung von Mädchen zu tun, finden Beachtung.

Kapitel 5 - Eltern- und Familienarbeit

"Familienarbeit als Bestandteil interkultureller Mädchenarbeit" von Isil Yönter

Die Autorin kommt zu folgenden Schlussfolgerungen im Bezug auf die Familienarbeit:

1. Erfolgreiche Familienarbeit beginnt mit dem Schaffen eines Systems formeller und informeller außerfamiliärer Freizeit- und Bildungsangebote.

2. Für benachteiligte ausländische Familien gibt es keine angemessenen Therapie- und Beratungsangebote. Nur vereinzelt sind Modellprojekte installiert worden.

3. Die Familienarbeit beginnt meist an einem Konflikt.

4. Sprach-, Kultur- und Schichtbarrieren erschweren die Verständigung. Eine große Rolle spielt hierbei der sozio-ökonomische Status der Eltern, der Bildungsstand, die Religionszugehörigkeit, die Sprache.

"Mädchen zwischen Schule und Eltern" von Ikbal Berber und Wolf B. Emminghaus

Der Text ist als Arbeitsanleitung gedacht. Er führt hin zu konkreten Arbeitsschritten von Seminarteilnehmerinnen und bereitet anschließende Workshops vor. Arbeitsaufträge sind im Text benannt, aber nicht ausgeführt" (S. 131).

Die Anleitung ist - meines Erachtens zu unkonkret ausgefallen. Es geht eigentlich hauptsächlich um Grundfragen der interkulturellen Kommunikation. Der Artikel ist sehr theoretisch und wenig praxisorientiert.

Kapitel 6 - Das andere Geschlecht

"Mädchen und Jungen aus türkischen und marokkanischen Herkunftsfamilien in der Migration" von Sevdiye Yldiz

Die Autorin bezieht sich in ihrem Text auf das Verhalten traditioneller Familien. Der Titel ist daher missverständlich. Es werden kaum interkulturelle Unterschiede beschrieben. Der Text trägt zur Verstärkung von Vorurteilen gegenüber MigrantInnen mit türkischen und marokkanischen Herkunftsfamilien bei. In dem Text werden die Lebenswelten von MigrantInnen aus oben genannten Herkunftsländern klischeehaft beschrieben.

Kapitel 7 - Theoretische Diskussion

"Einige Voraussetzungen einer interkulturellen und geschlechterdifferenten Pädagogik" von Ariane Bentner

Im ersten Teil des Aufsatzes geht es um die Bedeutung allgemeiner Begriffe wie:

Geschlecht als soziales und kulturelles Konstrukt

Vorurteile und Stereotypen und wie sie transportiert werden

AusländerInnenfeindlichkeit

Rassismus

Bentner differenziert bei ausländischen Menschen zwischen ArbeitsmigrantInnen und Flüchtlingen, AussiedlerInnen, StudentInnen, wobei letztere oft über hochqualifizierte Bildungsabschlüsse verfügen, jedoch in unqualifizierte Berufe abgedrängt werden, weil sie in ihren eigenen nicht arbeiten können. Außerdem sind sie KundInnen und SteuerzahlerInnen, obwohl sie als solche wenig zur Kenntnis genommen werden.

Auf die Frage, welche Voraussetzungen die interkulturelle und geschlechterdifferente Pädagogik braucht, antwortet sie: "Eine auf gegenseitiger Akzeptanz basierende interkulturelle Pädagogik darf die eigenen Gefühle und blinde Flecken der Lehrenden und Beratenden, meist deutschen Mehrheit angehörenden Kultur nicht ignorieren oder leugnen, sondern muss mutig und souverän damit umgehen" (S. 201).

Ein absolut lesenswerter Beitrag, der viel dazu beiträgt die eigenen Gefühle und blinden Flecken zu hinterfragen und zu überdenken.

"Chancen und Grenzen der Interkulturellen Pädagogik" von Isabell Diehm

Diehm zählt zwei zentrale Kritikpunkte der interkulturellen Erziehung auf und erklärt, wie die ursprüngliche Intention, die Integration ausländischer Kinder voranzutreiben, nachweisbar das Gegenteil bewirkt hat. Der erste Kritikpunkt an der Interkulturellen Erziehung ist die Gefahr der Kulturalisierung und Ethnisierung durch die Pädagogik.

Den zweiten Kritikpunkt der interkulturellen Erziehung sieht sie in dem Versuch, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit durch den gezielten methodischen Einsatz interkultureller Projekte abbauen zu wollen. Sie bezweifelt, dass sich ein solches Erziehungsziel auf dem Weg über Unterrichtsprojekte erfolgreich erreichen lässt.

Was mir gefallen/missfallen hat:

Ich finde es außerordentlich wichtig, immer wieder die Gefahren und die Grenzen der interkulturellen Pädagogik aufzuzeigen (siehe Thesen Seite 16 bzw. Aufsatz: "Chancen und Grenzen der Interkulturellen Pädagogik" von Isabell Diehm Seite 207ff). Besonders bedrohlich finde ich die Entwicklung von Stereotypisierungen und Bildung von Erklärungsmustern auf Grund von ethnischer Herkunft, die durch den Ansatz der interkulturellen Pädagogik gefördert werden könnten.

Ich bin einige Male auf Ansätze von Stereotypisierungen und "positiver Diskriminierung" in dem Buch gestoßen. Ein Beispiel ist das Teilnehmerinnenzitat von Seite 17: "Ich freue mich bikulturell zu sein. Es ist für mich eine große Bereicherung. Ich weiß selbst, was für mich gut ist und ich erlaube mir, aus beiden Kulturen das zu nehmen, was mir am meisten entspricht". Bikulturalität an sich ist - meiner Ansicht nach - kein Wert oder eine Bereicherung a priori. Auch ist nicht alles "Fremde" interessant und bereichernd. Dieser Ansatz entspricht einer "positiven Diskriminierung" deren Wurzel ebenso die Stereotypisierung und unzulässige Homogenisierung ist.

Besonders präsent waren Vorurteile und Klischees im Aufsatz "Mädchen und Jungen aus türkischen und marokkanischen Herkunftsfamilien in der Migration" von Sevdiye Yldiz.

Als lesenswert habe ich den Aufsatz "Mädchen zwischen den Kulturen" von Farideh Akashe-Böhme bewertet. Sie versucht die Klischees zu durchbrechen und hat einen individuellen Ansatz den ich sehr schätze. Auch der Aufsatz: "Chancen und Grenzen der Interkulturellen Pädagogik" von Isabell Diehm ist absolut lesenswert.

Auf Österreich ist übertragbar:

Die Erkenntnisse in dem Buch sind großteils auf Österreich übertragbar. Weniger relevant für Österreich erscheint mir der Aufsatz "Genauso - aber doch anders. Aussiedlermädchen zwischen den Kulturen" von Monika Kowalczyk.

Zur Rezensentin:
Dalia Sarig-Fellner, geb. 1969 in Wien, Studium der Politikwissenschaft in Israel, Mitarbeiterin von Peregrina - Bildungs- Beratungs- und Therapiezentrum für Immigrantinnen, Entwicklung zahlreicher Projekte für Migrantinnen und Asylwerberinnen im Bereich Bildung, Gesundheit, Sozial- und Rechtsberatung, Herausgeberin des Handbuches der Integration 2001.


zurück zu Rezensionen zu Bildung und Migration