Publikationen - Rezensionen zu
Bildung und Migration - Heide Gieseke


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Gieseke Heide, Kuhs Katharina (Hg.): Frauen und Mädchen in der Migration. Lebenshintergründe und Lebensbewältigung. IKO, Frankfurt/Main 1999. 234 Seiten, ISBN 3-88939-606-2, Preis: 25,50 €


Kurzbeschreibung des Inhalts:

In diesem Sammelband geht es um folgende Themen:

Gaby Franger nähert sich mit ihrem Beitrag "Das für uns so fremde Kopftuch" dem Thema "Verhüllungen" mittels eines kurzen historischen Abrisses und endet mit den Worten: "Das Kopftuch als das Stück Stoff, mit dem Frauen sich schmücken, verhüllen wollen oder sollen, wird in den derzeitigen politischen Auseinandersetzungen zum politischen Thema gemacht, das ablenkt von den eigentlichen Fragen: Es geht um Einwanderung und Integration, um Diskriminierung und Ausgrenzung - um Bürgerrechte und Grundwerte unserer multikulturellen Gesellschaft, um Chancen von einheimischen Frauen und Einwanderinnen mit und ohne Kopftuch." (S. 15)

Ursula Boos-Nünning benennt in "Mädchen türkischer Herkunft: Chancen in der multikulturellen Gesellschaft?" vier Problemfeldern, die im Zusammenhang mit muslimischen Mädchen immer wieder genannt werden: das Kopftuch, die Verweigerung von Schülerinnen am koedukativen Sportunterricht teilzunehmen, eine Ablehnung des Sexualkundeunterrichts und eine bestimmte Form der Eheschließung. Sie möchte anregen, die Werte der Mehrheitsgesellschaft zu hinterfragen (entspricht ein getrennter Sexual- und Sportunterricht den Mädchen und Burschen vielleicht nicht mehr als ein gemeinsamer; kann eine arrangierte Ehe nicht auch ihr Gutes haben,...?) und Mädchen türkischer Herkunft nicht immer zu Außenseiterinnen zu machen (es gibt viele türkische Mädchen, die sich wie "deutsche" Mädchen kleiden, aber diese Bilder erhalten viel weniger Repräsentanz als die stereotypen). Manche türkischen Mädchen würden gerne einen Beruf erlernen, scheitern aber an Diskriminierungen beim Zugang. Massenmedien, Trivialliteratur und zum Teil auch deutsche Wissenschafterinnen tragen ihren Teil zur Stereotypisierung bei. Die Autorin hinterfragt auch die These, dass der Islam Ursache für die Konflikte zwischen der deutschen Gesellschaft und türkisch-muslimischen Frauen und Mädchen ist. "Nicht der Islam als Religion verhindert eine Besserstellung der Frau, sondern die gesellschaftlichen Traditionen, die die Rechte der Männer stützen und aufrechterhalten." (S. 29) Es würden z.B. keine Unterschiede innerhalb des Islams wahrgenommen (etwa zwischen sunnitischem und alevitischem Glauben) und die oftmals geringerwertige Stellung der Frau in christlichen Religionen ausgeklammert.

Martina Weber beschäftigt sich in ihrem Artikel mit "Zuschreibungen gegenüber Mädchen aus eingewanderten türkischen Familien in der gymnasialen Oberstufe". Sie gibt Bilder aus der pädagogischen Literatur wieder, die gängige Klischees reproduzieren und merkt kritisch an, dass das Leben "türkischer" Mädchen wesentlich vielfältiger ist als dort dargestellt. Sie stellt aber auch fest, dass Untersuchungen, die dies aufzeigen, wesentlich weniger Verbreitung gefunden haben als Bilder vom Kollektiv "türkischer Mädchen" als patriarchal unterdrückte Opfer. Mit diesem Befund will sie keineswegs eine tatsächliche Unterdrückung, die einem Mädchen widerfährt bagatellisieren, aber "es ist eine pädagogische Sackgasse, irgendein Problem eines Mädchens an seiner vermeintlichen kulturellen Ausstattung zu diagnostizieren, die auf eine ethnische Herkunft zurückgeführt wird. [...] Keine ethnische Gruppe ist in sich homogen, sondern lässt sich nach z.B. verschiedenen Religionen, Schichtzugehörigkeit oder anderen Kategorien differenzieren. [...] Wir können also eher etwas über ethnisierende Zuschreibungen erfahren, wenn Menschen soziale Merkmale attestiert werden, die ihnen aufgrund ihrer Herkunft als quasi naturwüchsig anheftend aufgefasst werden". (S. 52f)

Die Autorin lässt verschiedene Schülerinnen selbst zu Wort kommen. Diese beschreiben ihre Erfahrungen zwischen "Ignoranz von Differenzen" und "Dramatisierung von Differenzen" und schildern auch, wie sie vorhandene Bilder benutzen, um sich Vorteile zu sichern.

Die Autorin sieht mehrere Problemfelder in der Art, welche Bilder über Migrantinnen vermittelt werden:

    1. Lebenspraxen und Wertorientierungen von MigrantInnen werden pauschal diffamiert, indem behauptet wird, dass sie nicht mit den Lebensweisen einer modernen Gesellschaft zusammen passen. (S. 63)
    2. Lebenspraxen und Wertorientierungen von MigrantInnen werden pauschal als frauenunterdrückend abgewertet und dabei übersehen, dass auch in der sog. westlichen Kultur Sexismus, Gewalt gegen Mädchen und Frauen vorhanden sind. (S. 65)
    3. Der Diskurs über "angeblich patriarchal unterdrückte 'türkische Frauen und Mädchen' dient dazu, einen Deckmantel über gesellschaftliche Strukturen zu breiten" (S. 66)

Am Schluss plädiert die Autorin dafür, Konzepte zu entwickeln, die Ansätze einer gendersensiblen mit einer interkulturellen Pädagogik verknüpfen.

Zwei Artikel (Angelika Schmidt-Koddenberg "Psychosomatische Reaktionen bei Migrantinnen" und Claudia Schöning-Kalender "Gemeinschaftliche Existenzgründung von Frauen im Stadtteil") haben nur am Rande mit dem Thema "Mädchen und Bildung" zu tun, weswegen ich nicht näher auf sie eingehe.

Das Buch endet mit einer thematisch sortierten Auswahlbibliographie (1980-98) erstellt von Katharina Kuhs.

Was mir an dem Buch gefallen/missfallen hat:

Ich fand an dem Buch sehr anregend, dass scheinbare Sicherheiten und Selbstverständlichkeiten hinterfragt werden. Manchmal fehlt mir eine ähnliche Differenzierung bei der sog. deutschen Gesellschaft. Auch nicht alle "deutschen" Mädchen kleiden sich in einem einheitlichen Stil. Und sosehr ich es wichtig finde, darauf aufmerksam zu machen, dass Islam nicht gleich Islam ist und auch die Gleichungen "Der Islam unterdrückt die Frauen" und "Das Christentum ist frauenfreundlich" so undifferenziert nicht stimmen, sosehr bleibt ein gewisses Unbehagen vor einem zu großen Relativismus zurück. Ich kann mir schwer vorstellen, über "Funktion und Stellenwert einer arrangierten Ehe im Vergleich einer Heirat aus individueller Liebe ernsthaft zu diskutieren" (S. 22) - ich würde lieber das Konzept der Liebesheirat in Frage stellen als mir zu überlegen, welche Vorteile eine arrangierte Heirat (manchmal eben eine Zwangsehe) hat.

Zur Rezensentin:
Mag.a Renate Tanzberger, Lehramtsstudium Mathematik und Geschichte, Mitarbeiterin und Obfrau des Vereins zur Erarbeitung feministischer Erziehungs- und Unterrichtsmodelle (EfEU).


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