Publikationen - Rezensionen zu
Bildung und Migration - Katharina Götterer


  zurück zu Rezensionen zu Bildung und Migration  
     


 

 

Katharina Götterer: Mädchen in der interkulturellen Bewegungserziehung - eine empirisch-qualitative Analyse von Chancen und Problemen aus Sicht türkischer Schülerinnen.
Diplomarbeit am Institut für Sportwissenschaften der Universität Wien 2004. 207 Seiten

Katharina Götterer geht in ihrer Diplomarbeit den alltäglichen Konfrontationen mit dem Andersartigen im österreichischen Schulwesen nach. Es geht um die türkischen Mädchen im Sportunterricht, die manchmal beim Schwimmen nicht mitmachen oder nicht immer an den sportlichen Aktivitäten teilnehmen oder um die, die diesen Eindruck erwecken.

In ihrer unmittelbaren Umgebung macht K.G. die Beobachtung, dass türkische Mädchen ab einem bestimmten Alter weniger im Park zu treffen sind als die Buben im gleichen Alter. Dieser Erfahrung geht sie auch nach, indem sie über die Herkunft der MigrantInnenfamilien in Wien recherchiert. Der geringe prozentueller Anteil türkischer MigrantInnen gegenüber der Gesamtbevölkerung überrascht sie. Diese Täuschung ist zum größten Teil wohl auch optisch bedingt, da viele türkische Frauen durch ihre Bekleidung auffallen. Sie konstatiert dabei auch, dass sich MigrantInnenfamilien sowohl vom Herkunftsland als auch vom Einwanderungsland beeinflussen lassen und sich somit auch von den beiden unterscheiden.

Feinfühlig zeigt sie auf, dass die moderne Annahme, dass Sport eine unmittelbare Art von Kommunikation sei, die jenseits von allen sozialen und kulturellen Grenzen funktionieren soll, nicht immer gelten muss (1). Sie versucht die Grenze mit einer interkulturellen Bewegungserziehung zu überwinden.

Die Arbeit gliedert sich in einen theoretischen und einen empirischen Teil. Bei letzterem wurden 7 Mädchen (AHS Schülerinnen) mit einem Durchschnittsalter von 16 Jahren in Wien über ihre Gläubigkeit, ihre sportlichen Interessen und den koedukativen Unterricht,... befragt.

Im theoretischen Teil geht sie mit Hilfe der Literatur auf verschiedene Klischees ein, die im österreichischen Alltag in diesem Bereich auftauchen. Sie bemüht sich um ein differenziertes Bild und um eine Sensibilisierung in der Bewegungserziehung. Sie stellt auch gewisse Beobachtungen in der Theorie vor, die aber meistens aus Deutschland stammen. Dabei stößt sie auch auf neue Erkenntnisse, die zum Teil für sie verblüffend waren, so wie die nicht-lineare Beziehung zwischen der Religiosität und dem Kopftuch oder zwischen der Religiosität und den sportlichen Interessen der Mädchen. Sie zitiert auch Nauck (2), der bei den türkischen MigrantInnenfamilien eine hohe Einfühlsamkeit und eine Dominanz eines ängstlich-behütenden Erziehungsstils konstatiert, statt einer rigiden Autorität.

Meinung: Die wohlwollende Art und die Sensibilität der Autorin sind positiv zu vermerken. Allerdings war mir an manchen Stellen nicht klar, ob K.G. Klischees bekämpft oder produziert. Das liegt wohl auch daran, dass man bis zu einem Grad akzeptieren soll, dass Klischees ihren Anteil an der Wahrheit haben, aber nicht pars pro toto gelten können. Es ist vielleicht besser, konkreter an die Sache heranzugehen, statt mit religiösen, romantischen, zeitlosen Vorstellungen eine Gruppe in Schutz nehmen zu wollen. Separate Räume für Mädchen und Buben würde ich als eine Unterstützung einer ländlich-ängstlichen Einstellung einstufen und nicht als eine Hilfe zur Integration. Eine ländliche, wenig modernisierte MigrantInnengruppe in einem katholischen Land mit wenig bis gar keinem laizistischen (3) Bewusstsein könnte fürs Entstehen zweier Gesellschaften sorgen, die miteinander wenig zu tun haben. Konfliktvermeidung (was natürlich auch wichtiger ist) wäre damit vielleicht gesichert, nicht aber die Integration.

Den theoretischen Bogen finde ich für eine sportwissenschaftliche Arbeit zu weit gespannt, sodass eine gewisse Oberflächlichkeit nicht zu vermeiden ist. Zu glauben, dass man den Unterschied zwischen dem Islam und dem Christentum in einer A4 -Seite abfertigen kann, ist kühn und naiv. Und das ohne zeitliche Angaben, bei der Ausklammerung der Historie des Christentums und der Moderne.

Dennoch ist die Arbeit wichtig. Sie gibt viele Denkanstöße und zeigt wie hoch der Bedarf an einer Migrationsforschung in Österreich ist.

Anmerkungen:

(1) Die postmoderne Erkenntnis, dass der Körper mehr als alles andere ein Ort der kulturellen Codierung ist, findet sich in K.G. Arbeit wieder, obwohl sie dabei auf keine theoretische Literatur Bezug nimmt.

(2) Bernhard Nauck: Erziehungsklima, integrative Transmission und Sozialisation von Jugendlichen in türkischen Migrantenfamilien. Zeitschrift für Pädagogik 40 (S. 43-62)

(3) Laizismus im Sinne von Trennung von Kirche und Staat

Zur Rezensentin:
Dr.in Leyla Arzu Kececi, Ausbildung am St. Georgs-Kolleg in Istanbul, Philosophie- und Publizistikstudium in Wien, Dissertation "Die Postmoderne und das Problem der Einheit", Publikationen zu migrantischen Themen, mehr Infos hier.


zurück zu Rezensionen zu Bildung und Migration