Publikationen - Rezensionen zu
Bildung und Migration - Nevál Gültekin


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Gültekin Neval: Bildung, Autonomie, Tradition und Migration. Doppelperspektivität biographischer Prozesse junger Frauen aus der Türkei.
Leske + Budrich, Opladen 2003. 232 Seiten, ISBN 3-8100-3460-6, Preis: 25,60 €

Die Autorin dieser Dissertation im Fachbereich Erziehungswissenschaften untersucht die Bildungsorientierung von jungen Frauen mit türkischer Abstammung und ihre möglichen Rückwirkungen mit autobiographisch-narrativen Interviews. Die methodologische Grundlage bildet die Grounded Theory. In der ersten Phase wurde ein Interview zur intensiven Analyse ausgewählt, in der zweiten Phase wurde das Ergebnis der Interpretation dieses Interviews mit einem neuen Sample geprüft. Die Fragestellungen umfassten die Orientierungen und Haltungen der Ursprungsfamilie und der jetzigen Familie, die Auswirkungen der Bildungsorientierung auf die Gesamtfamilie, die Rollenverteilungen und Aushandlungsprozesse der EhepartnerInnen sowie die Zukunftsperspektiven, Ziele und Strategien, mit welchen die Ziele erreicht werden sollen.

Die Ergebnisse zeigen, dass die (mit einer Ausnahme verheirateten) Interviewpartnerinnen und ihre Schwestern in Bezug auf Bildung mehr Initiative und Lerneifer zeigen als ihre Partner und ihre Brüder. Ihre positive Haltung reicht von Weiter- und Umschulungsmaßnahmen bis zum Hochschulstudium. Ihre Motivation bildet die mögliche Verbesserung der sozialen und ökonomischen Stellung der Familie. Bildung wird zum Beispiel als Mittel gesehen, um vom ungelernten Arbeiterinnenstatus in ein Angestelltenmilieu überzutreten. Die Männer scheinen nach den Aussagen der Frauen sowohl in ihrer Bildungsorientierung als auch bei der Arbeitssuche im Vergleich eher passiv und zögerlich zu sein. Die Interviews liefern u.a. folgende Hinweise für diese geschlechtsspezifische Bildungsorientierung: Von Töchtern wird im Gegensatz zu Söhnen schon in viel früherem Alter Eigenverantwortung und Verantwortung für die Familie erwartet. Die Mädchen sind es auch eher gewohnt, sich Ressourcen von der Familie erkämpfen zu müssen, während sich ihre Brüder hinsichtlich finanzieller Aufwendungen bevorzugt sehen.

Die Interviewpartnerinnen zeichnen sich in mehrerer Hinsicht durch eine Mehrfachorientierung aus, die die Autorin "Doppelperspektivität" nennt. Sie sind nicht nur an Weiterbildungsmaßnahmen interessiert und bereit, Zeit und Energie in solche zu investieren, sondern sind gleichzeitig auch stark an die Familie gebunden. Diese familiäre Gebundenheit steht dem Bildungsbewusstsein und dem Streben nach Autonomie aber nicht konträr gegenüber. In ihren Lebenskonzepten können die jungen Frauen Berufstätigkeit und Familienorientierung gut miteinander vereinen. Der Bildungsprozess wurde bei den interviewten Frauen in der Regel unterbrochen und erst nach der Familiengründung wieder aktiviert. Der Bildungsprozess geht mit einem allgemeinen individuellen und familiären Veränderungsprozess einher. Der Tagesablauf der verheirateten Frauen beginnt sich zu ändern und alte Zuständigkeiten müssen neu verhandelt werden. Die Männer müssen sich mehr in die Haus- und Familienarbeit einbringen, wodurch sich auch in der Partnerschaft ein Wandel vollzieht. Bildung nimmt eine Vorrangstellung gegenüber Erziehungs- und Familienarbeiten ein, und im Zuge des Bildungsprozesses vergrößert sich auch die Autonomie der Frauen in der Familie. Damit trägt Bildung mehr als Erwerbsarbeit zur Auflösung von traditionellen Zuschreibungen bei.

Die Mehrfachorientierung hat ihren Hintergrund in der Migrationsgeschichte: Die Interviewpartnerinnen verkörpern sowohl die Werte und Orientierungen des Herkunftslandes als auch jene des Einwanderungslandes. Dabei werden auch jeweils traditionelle sowie moderne Werthaltungen verinnerlicht. Diese Doppelperspektivität verleiht den jungen Migrantinnen die Fähigkeit, "Prozesse ihres Lebens stets aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und zu evaluieren, alte Konzepte zu modifizieren und eigene neue Konzepte zu entwerfen" (S.215). Die Autorin betont, dass solche Kompetenzen besonders in der pädagogischen Praxis und Forschung gefragt sind.

Ein wesentliches Ergebnis der Interviews ist auch die Prozesshaftigkeit der Migrationshandlung. Migration ist nicht als ein zeitlich und räumlich in sich abgeschlossenes Phänomen zu betrachten, sondern als ein mehrdimensionaler Prozess, der mehrere Generationen überdauert. Die Lebensgeschichten der Befragten sind durch Diskontinuitäten und Krisen gekennzeichnet - Migrationsprozesse verlaufen in der Regel eben nicht glatt und krisenlos. Solche Krisensituationen lösen eine "biographische Reflexionsarbeit" aus, d.h. die jungen Frauen profitieren auch von Krisen, indem sie lernen, Grenzen zu überwinden und ihre Perspektiven zu erweitern. Umso mehr darf die Doppelperspektivität nicht als Defizit wahrgenommen werden, wie es dualistische Konzepte implizieren, indem sie davon ausgehen, dass die Nachkommen von EinwanderInnen entwurzelt sind oder "zwischen zwei Stühlen sitzen". Zwischen zwei Kulturen (der des Herkunftslandes und der des Einwanderungslandes) sowie zwischen zwei Orientierungen (traditional und modern) zu pendeln und mit diesen zu jonglieren, verleiht Kompetenzen, nicht Defizite, so die Kernaussage und Konklusion der Theorie der Doppelperspektivität.

Zur Rezensentin:
Dr.in Natalia Wächter, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Österreichischen Institut für Jugendforschung


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