Publikationen - Rezensionen zu
Bildung und Migration - Ulrike Kloeters


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Kloeters Ulrike, Lüddecke Julian, Quehl Thomas (Hg.): Schulwege in die Vielfalt. Handreichungen zur Interkulturellen und Antirassistischen Pädagogik in der Schule. IKO, Frankfurt/Main 2003. 428 Seiten, ISBN 3-88939-709-3, Preis: 24,80 €


Dieser Sammelband deckt sowohl in Bezug auf die Zielgruppen (Vorschulkinder bis Jugendliche) als auch die Themen ein breites Spektrum ab. Neben einer theoretischen Auseinandersetzung mit den Unterschieden und einer möglichen Verbindung von Interkultureller Pädagogik und Antirassistischer Pädagogik werden Fragen zwischen Theorie und Praxis gestellt und diverse praktische Umsetzungsmöglichkeiten vorgestellt. Ein Materialienpool (für die Grundschule und für die Sekundarstufe) rundet den Band ab. Ein Artikel widmet sich z.B. dem Aspekt der (Nicht-)Thematisierung "ausländischer" SchülerInnen in Schulbüchern, Anti-Rassismus-Trainings werden vorgestellt, Möglichkeiten und Grenzen von Mediation bei "interkulturellen" Konflikten an Schulen werden aufgezeigt,...

Zwei Artikel beschäftigen sich mit Gender-Themen (in den anderen Artikeln ist die Kategorie Geschlecht kein Thema): Yasemin Kakrakasoglu behandelt die Frage, ob Lehrerinnen mir Kopftuch in Deutschland an öffentlichen Schulen unterrichten können sollen, indem sie zwei unterschiedliche Gerichtsurteile (von Baden-Württemberg und Niedersachsen) dazu vorstellt. Allein die Übersicht pro/contra Lehrerinnen mit Kopftuch im Staatsdienst könnte als Grundlage für anregende Diskussionen im Unterricht verwendet werden. Im Abschluss des Kapitels stellt die Autorin kurz ihre Untersuchung unter angehenden Lehrerinnen, die Kopftuch tragen, vor. Sie macht zwei Hauptpositionen aus: "Die erste Gruppe hofft auf eine Veränderung in der öffentlichen Wahrnehmung des Symbols Kopftuch, auf eine 'Entdämonisierung', wobei sie sich für den Fall, dass dies nicht eintreffen sollte, alternative Beschäftigungsmöglichkeiten offen hält. Die zweite Gruppe setzt auf eine Argumentation entlang der Linie des Grundgesetzes und auf ein offensives Auftreten für die eigene Position. Hier wird das grundsätzlich verbriefte Recht auf Religionsfreiheit - auch für Muslime - vorgebracht." (S. 77f) Nur eine der 12 interviewten Frauen erwägt, falls nötig, das Kopftuch weg zu lassen, um weiterhin als Lehrerin tätig sein zu können.

Der 2. Artikel von Berrin Özlem Otaykmaz beschäftigt sich mit Aspekten interkultureller Mädchenarbeit. "Die Lebenssituation von jugendlichen Migrantinnen ist ebenso vielschichtig wie die Lebenssituation von deutschen Mädchen und jungen Frauen. Sie machen positive wie negative Erfahrungen, haben Erfolge und Misserfolge." (S. 85) Sie haben ähnlich vielschichtige Konflikte (mit Eltern, in der Schule, in der Pubertät, Liebekummer, Identitätsschwierigkeiten,...). "Im Gegensatz zu jungen deutschen Frauen und Mädchen werden ihre Probleme allerdings oft reduziert als Folge des Aufwachsens mit zwei unterschiedlichen Kulturen begründet. Als das zentrale Problem der jungen Frauen und Mädchen wird der Kulturkonflikt genannt." (S. 85) Dem setzt die Autorin ein anderes Bild entgegen. Sie nimmt v.a. Problematiken der kulturellen Zuschreibungen und kulturalisierender Interpretationen wahr. Als zentrales Problem für die Mädchen und junge Frauen sieht sie Rassismuserfahrungen (offene Übergriffe, Verwehrung beruflicher Möglichkeiten, Verwehrung von Staatsbürgerinnenrechten und politischer Partizipation, Zuschreibungen von Anderssein,...). Abschließend zieht sie Konsequenzen für die interkulturelle Mädchenarbeit: sie plädiert für Personal mit Migrationshintergund, für eine Ressourcen- statt einer Defizitorientierung in der Arbeit mit Migrantinnen, für Netzwerkorientierung und sie nimmt die Bedeutung der "ethnischen" Peergroups für Migrantinnen poitiv wahr. Insgesamt ein sehr lesenswerter Artikel!

Zur Rezensentin:
Mag.a Renate Tanzberger, Lehramtsstudium Mathematik und Geschichte, Mitarbeiterin und Obfrau des Vereins zur Erarbeitung feministischer Erziehungs- und Unterrichtsmodelle (EfEU).


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