Publikationen - Rezensionen zu
Bildung und Migration - Eva Kultus


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Kultus, Eva: Der Preis der Freiheit: 10 Jahre im Leben einer jungen Frau türkischer Herkunft.
Langzeitstudie: der mühsame Prozeß des eigenen Wegs aus einer türkischen Familie. IKO - Verl. für Interkulturelle Kommunikation, Frankfurt a. M. 1998, Neuauflage 2000 (Edition Hipparchia). 160 Seiten, ISBN 3-88939-616-X, Preis: 25,50 €

Das Buch erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die mit ihrer Familie bricht, um ein selbstbestimmtes Leben zu beginnen. Im ersten Teil erfahren Leser und Leserinnen über Nurays Kindheit in der Türkei. Den Großteil verbringt sie in der Obhut ihrer Großeltern, getrennt von ihren Eltern, die bereits einige Jahre in Deutschland leben. Mit elf Jahren kommt sie - unfreiwillig - nach Deutschland. Dort fühlt sich Nuray missverstanden, ausgenutzt und geistig misshandelt (S. 40). Ihre Wünsche, ihre Bedürfnisse und zukünftigen Pläne decken sich nicht mit den Vorstellungen ihrer Familie. Im Alter von 19 Jahren entflieht sie den elterlichen Restriktionen, aber auch der familiären Sicherheit. Der Einzug in eine Jugendwohngemeinschaft markiert für sie den Beginn eines neuen Lebens. Der 23.10.1987 ist wie mein zweiter Geburtstag. (S. 19). Aus Nuray, dem Mädchen mit türkischer Herkunft wird Nora, die zunächst alles "Türkische" ablehnt. Zusätzlich zur Namensänderung, färbt sie ihre Haare blond, verweigert türkisch zu sprechen, hält sich von Burschen und Mädchen türkischer Herkunft fern.

Hier beginnt die eigentliche Langzeitstudie, analog zur ersten Begegnung mit der Autorin. Eva Kultus arbeitete damals als Sozialarbeiterin in der Wohngemeinschaft. Als Beraterin, als befreundete erwachsene Vertrauensperson in Krisensituationen (S. 10) und als Leiterin von PAPATYA, einer Kriseneinrichtung für Mädchen vorwiegend türkischer Herkunft lernt die Autorin Nuray/Nora selbst, einen Teil ihrer Familie in Berlin und der Türkei, sowie ihre Freunde und Freundinnen kennen. Anhand von markanten Lebensetappen in Noras Biographie - der Bruch mit ihrer Familie, der Versuch einer Anpassung an ein "deutsches" Leben, Beginn und Fortlauf massiver Essstörungen, die Suche nach Liebe, Besuch in der Türkei und die Annäherung an die Familie - strukturiert sie diese Fallstudie.

Im letzten Teil des Buches wird statistisches Material der Kriseneinrichtung PAPATYA ausgewertet, dabei auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Bezug auf Fluchtgründe, Familienstrukturen, Kontrolle und Ausbruch, Lösungsstrategien und den Verbleib der Mädchen geachtet.

Die Darstellung der Lebensgeschichte ist stark vom Verhältnis Autorin zu Protagonistin geprägt. Als Vertrauensperson lebt und fühlt Eva Kultus mit Nora. Die Autorin war/ist Mitarbeiterin/Leiterin einer Einrichtung, die Mädchen v.a. türkischer Herkunft aufsuchen, welche sexueller Gewalt ausgesetzt sind, zwangsverheiratet, misshandelt, vernachlässigt oder am Schulbesuch gehindert werden (vgl. S. 132f). In der Abhandlung legt die Autorin Standpunkte dar, die eher aus diesen beruflichen Erfahrungen heraus zu verstehen sind, und wenig einer "objektive(re)n" Interpretation der Erzählungen Noras entsprechen. Vor dem Hintergrund, dass Eva Kultus mit dem Vater keinen Kontakt hergestellt hat und mit der Mutter kein formelles Interview stattfand, sind einige Aussagen zu überdenken. Die Eltern können sich überhaupt nicht in die Lebenswelt ihrer Tochter versetzen, sie wollen das auch gar nicht. (S. 43) [...] Hätten ihre Eltern sie geliebt und hätte sie ihre Eltern lieben können, hätte sie vielleicht auch mit deren Normen leben können (S. 103). Die Ursachen des Konflikts und dessen Auswirkungen auf Nora sind vereinfacht dargestellt, Schuldzuweisungen passieren zu unreflektiert. Die Autorin hält fest, dass vor allem die Mädchen zu PAPATYA kommen, deren Familien über besonders schlechte Bedingungen und über besonders wenig Ressourcen verfügen (S. 146), verfolgt diesen Aspekt aber nicht weiter. Hauptverantwortlich für die Krise sind für die Autorin (und Nora) die Eltern und deren "türkische" Traditionen. Soziale Einflüsse abseits der Familienstruktur - Schule, Freundschaften, Öffentlichkeit, Medien, Gesellschaft usw. fließen kaum in die Analyse mit ein. Eine Simplifizierung der Zusammenhänge, in der Folge eine Verzerrung von Realitäten erfolgt auch durch die Fokussierung auf bestimmte Problembereiche in Noras Leben. Eine Sicht auf Brüche und Kontinuitäten, ein Einblick in die "Alltagsgeschichte" wären hilfreich, um die Komplexität der Thematik besser erfassen zu können.

Die Autorin will Nora möglichst viel selbst zu Wort kommen lassen. Die häufige Zitierung Noras aus Gesprächs- und Videoaufzeichnungen erlauben trotz aller Kritik eine differenzierte Einsicht in das Leben eines junges Mädchen bis zur erwachsenen Frau. Seelische Belastungen und Ängste, denen Nora in der Familie wie in der Zeit im Jugendwohnheim ausgesetzt ist, werden deutlich spürbar und in verständlicher Form nacherzählt. Der Text ist in einem flüssigen, verständlichen Stil verfasst und bietet Leserinnen und Lesern ohne fachspezifischem Wissen einen lebendigen Einblick in die Problematik, mit der Mädchen und junge Frauen türkischer Herkunft möglicherweise konfrontiert sind.

Zur Rezensentin:
Mag.a Hanna Esezobor:Sozial- und Kulturanthropologin, thematische Schwerpunkte: Immigrant Business, Feministische Anthropologie, Mitarbeiterin der Ausstellung "gastarbajteri" 2004


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