Publikationen - Rezensionen zu
Bildung und Migration - Sigrid Nökel


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Sigrid Nökel: Die Töchter der Gastarbeiter und der Islam. Zur Soziologie alltagsweltlicher Anerkennungspolitiken.
Transcript, Bielefeld 2002. 336 Seiten, ISBN 3-933127-44-0, Preis: 27,60 €

Inhalt Sigrid Nökel analysiert die Glaubens- und Lebenswelt junger Frauen der zweiten ImmigrantInnengeneration exemplarisch am Raum Bielefeld und Frankfurt. Das Buch basiert auf einer Studie (Dissertation), die Nökel zwischen 1994 und 1996 durchgeführt hat. Die Akteurinnen sind zwischen 18 und 28 Jahre alt, sie alle sind in Deutschland aufgewachsen, ihre Eltern kommen aus der Türkei, Marokko und Teilen der arabischen Welt.

Im Zentrum stehen die Strategien dieser Akteurinnen, ihre kulturelle Identität als Musliminnen in Deutschland zu finden. Diese Frauen wirken modern und fallen im öffentlichen Raum durch ihren besonderen Kleidungs- und Verhaltensstil auf. Dieser Typ, der auf einen Wandel bzw. eine Ausdifferenzierung innerhalb des in Deutschland lokalisierten Islam und auf ein selbstbewusstes Verständnis als Muslima setzt, hat sich im Raum Bielfeld seit den 1990er Jahren entwickelt. Unzufrieden mit dem traditionell gelebten Islam der Eltern beschäftigen sich die jungen Frauen eingehend mit den islamischen Quellen Koran und Hadith und versuchen selbst Antworten auf religiöse Fragen zu finden. Mädchengruppen, die zum Teil in privaten Räumen oder in den Moscheen organisiert werden, unterstützen die jungen Frauen in der "islamischen" Identitätsfindung. Dabei eignen sich die Frauen autodidaktisch islamisches Wissen an, das sie ihren Eltern oft überlegen macht. Anerkannte Experten (Imame) werden nur bei komplizierten Rechtsfragen hinzugezogen. Dieses Wissen setzen sie auch bewusst ein, um mehr Freiheiten innerhalb der Familie durchzusetzen und unbequeme Traditionen wie die Beschränkung der Frauenrolle auf die der Hausfrau und Mutter oder die Ehevermittlung als unislamisch zu entschleiern.

Ein wesentlicher Teil dieses Buches beschäftigt sich mit der religiösen Praxis der Frauen, mit dem, was als erlaubt und verboten gilt, wie sie sich als Muslim verhalten, welchen Stellenwert die Kleidung, das Essen, die Bildung, der Beruf, die Familie, die Ehe hat und wie sie ihre Rolle als Frau definieren. Gleichzeitig wird die Beziehung zu den Eltern, zum nicht-muslimischen Umfeld und zu islamischen Organisationen analysiert. Es wird auch aufgezeigt, welche negativen Auswirkungen die Abstempelung als "Ausländerkind" auf den Entwicklungsprozess der Mädchen hat. Hervorzuheben ist, dass die Frauen mit der Islamisierung keineswegs ein Hausfrauendasein anstreben, sondern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ins Zentrum rücken. Bei der Umsetzung der gewonnen Erkenntnisse im Alltag werden aber auch viele Spannungsfelder deutlich.

Nökel hinterfragt die Partizipation von Frauen innerhalb des organisierten Islam. Dieser ist mit einigen Ausnahmen nach wie vor von männlichen Hierarchien geprägt. Die Frauen treffen sich daher oft in privaten Räumlichkeiten und ihre Positionen unterscheiden sich häufig von den Positionen von "Vertretern" islamischer Gemeinden.

Persönliches Resümee: Dieses Buch schafft es durch eine differenzierte Analyse, die Lebenswelt junger islamischer Frauen, ihre Bezüge zum Islam, zur Familie, zum Beruf, zur "deutschen Kultur" etc. nachvollziehbar und verstehbar zu machen. Was man dabei erfährt ist unerwartet und ebenso erhellend: junge Frauen versuchen auf Basis eines modernen Islam, ein autonomes und authentisches Leben zu führen. Sie versuchen, traditionelle Vorstellungen des Islams zu hinterfragen und zu erneuern und ihre Interessen innerhalb der Familie, in der Ehe, im Freundeskreis, in der Schule, im Beruf oder in islamischen Organisationen verständlich zu machen. Was diese Studie so wertvoll macht ist, dass die Autorin dabei weder in falsche Romantizismen verfällt, die das Leben der Frauen idealisiert und unkritisch darstellt, noch, dass sie sich in ihrer Analyse von Stereotypen und Vorurteilen leiten lässt. Dadurch wird ein neuer Raum eröffnet, der Verständnis, Unterstützung und Anerkennung erst möglich macht. Nökel schildert die "leisen" Widerstandsformen von Frauen und zeigt, dass die Frauen nicht nur Opfer patriarchaler Verhältnisse sind, sondern autonome Akteurinnen. So ganz nebenbei vermittelt dieses Buch eine Menge fachliches Wissen über den Islam und über kulturelle Praktiken. Offen bleibt jedoch die Frage, ob dieser Typ "Neo-Muslims" eine Minderheit oder Mehrheit unter den muslimischen Frauen darstellt, wie ihr Verhältnis zu einem politischen Islam und zum Weltislam ist. Spannend sind die vielen langen Interviewpassagen, die den Zugang zur Gedankenwelt dieser Frauen erst so richtig eröffnen.

Obwohl sich diese Studie auf Deutschland bezieht, können die Erkenntnisse auch auf den österreichischen Raum übertragen werden. Leider gibt es bislang nur wenige Studien, die den Bezug der zweiten Immigrantinnengeneration zum Islam untersuchen. Deshalb sind solche Bücher umso wertvoller.

Für Lehrerinnen ist dieses Buch interessant, da diese Studie "neues" Wissen über die zweite Generation und ihr Verhältnis zum Islam vermittelt. Dieses Buch hilft, sich in die oft immer noch "fremde" Lebenswelt der MigrantInnentöchter einzudenken, diese zu verstehen und auch ihre Strategien anzuerkennen, sich Respekt und Anerkennung sowohl innerhalb der eigenen Familie, der ethnischen Kultur, als auch der "deutschen" Mehrheitskultur zu verschaffen. Für LehrerInnen ist dieses Buch umso mehr interessant, da unser Wissen über den Islam nach wie vor von zahlreichen Stereotypen geprägt ist und dabei die Interessen der jungen Frauen ungehört bleiben.

Zur Rezensentin:
Mag.a Monika Höglinger, Studium der Sozial- und Kulturanthropologie an der Universität Wien. Wissenschaftliche Forschung zu Musliminnen in Wien. Diverse interkulturelle Projekte zum Thema "Kopftuch" und Islam, Organisation von Ausstellungen und Bildungsarbeit in Schulen.


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