Publikationen - Rezensionen zu
Bildung und Migration - Werner Schiffauer


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Werner Schiffauer, Gerd Baumann, Riva Kastoryano, Steven Vertovec (Hg.): Staat - Schule - Ethnizität. Politische Sozialisation von Immigrantenkindern in vier europäischen Lernen.
Reihe Interkulturelle Bildungsforschung Band 10. Waxmann, Münster/New York/München/Berlin 2002. 376 Seiten, ISBN 3-8309-1155-6, Preis: 30,80 €

Kurzbeschreibung des Inhalts:

Die AutorInnen führen in dieser empirischen Studie zur Enkulturation (1) türkischer Jugendlicher in europäischen Schulen (in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden) aus, dass staatliche Schulen lange Zeit als jener Mechanismus betrachtet wurden, durch den ein Nationalstaat Kinder in BürgerInnen und politische Personen umwandelt. Demnach hat Schulbildung fundamentale Effekte auf jene Personen, die in eine Gesellschaft hineinsozialisiert werden.

An diesem Projekt zeigt sich der Einfluss des Nationalstaates, seines Selbstverständnisses, seiner politischen Ziele und Überzeugungen, die über das Bildungssystem auf die BürgerInnen vermittelt werden (sollen). Daraus erhebt sich die Frage, wie Schulen in den unterschiedlichen Nationalstaaten mit kulturellen Unterschieden in der alltäglichen Schulpraxis umgehen. Diese Vermittlung geschieht auf inhaltlicher Ebene explizit in diversen Unterrichtsgegenständen (z.B. politische Bildung, Geographieunterricht, Geschichtsunterricht etc.), implizit auf anderen Ebenen: Was wird im Unterricht thematisiert, was scheint im Curriculum nicht auf? Was sind bevorzugte Konfliktlösungsstrategien? Werden Unstimmigkeiten ausgetragen oder werden sie verschwiegen? Wie werden Gruppeninteressen repräsentiert? Welche Rolle spielen demokratische Strukturen gegenüber individuell artikulierten Überzeugungen? Wie wird der alltägliche Balanceakt zwischen Disziplin und freiheitlicher Atmosphäre, Zwang und Informalität im schulischen Kontext bewältigt? Durch diese Alltagspraxis lernen Jugendliche einen Großteil politischer Kultur, die ihnen die Anleitungen zum Handeln als BürgerInnen in einem Staat bieten, sei es als AusländerInnen, MitbürgerInnen oder Ausgegrenzte.

Das Ergebnis der Studie zeigt: Es gibt an Schulen eine eigene Konsistenz (2) und Konvergenz (3) von politischer Kultur. In den Niederlanden etwa haben Gruppenbelange nur dann Platz, wenn sie im Rahmen eines allgemeinen Konsenses argumentieren. In England hingegen wären gruppenspezifische Sonderregelungen die logische Konsequenz. In Frankreich stellt der Rückzug auf die Privatsphäre die einzige Lösungsmöglichkeit dar. Deutschland zeichnet sich durch ein bemerkenswertes Fehlen jeglicher konstruktiv formulierter Strategien zur Einbindung von ImmigrantInnen aus, tendenziell ist ein Ausschluss von Jugendlichen nicht-deutscher Herkunft zu beobachten. So scheint sich jeder Nationalstaat, seine türkischen Jugendlichen nach eigenen Vorgaben zu formen.

Die AutorInnen erläutern den Einfluss von Schule im Bezug auf national-kulturelles Bewusstsein: Erstens sind nordwest-europäische Schulen nicht länger dazu angehalten, simple Botschaften von Patriotismus oder Nationalismus zu propagieren. Die bürgerInnenbezogene und politische Botschaft wurde im Laufe der Jahre subtiler und komplizierter, sie setzt sich ebenso mit universellen Werten wie demokratische Partizipation, supra-nationale Kooperation und friedliche Konfliktlösungen auseinander. Zweitens haben sich nordwest-europäische Nationalstaaten zu multi-ethnischen und multi-nationalen Gesellschaften entwickelt. Diese kulturelle Pluralität setzt sich bis in die Klassenzimmer fort, besonders in Migrations-Ballungszentren, wie etwa in Großstädten. Drittens: Wenn nationalstaatliche Schulen nicht mehr länger national im einfachen Sinne sein können, dann wird die nationalstaatliche Dimension im Erziehungssystem in ein unterschwelliges Verständnis umgeformt. Demnach gewinnen die Wege und Mittel, die Methoden und Diskurse über eine legitimierte politische Partizipation und eine zivile oder gesellschaftliche Identifikation an Bedeutung.

Aus diesen drei Überlegungen heraus scheint es sinnvoll, die Funktion von Schule im modernen europäischen Nationalstaat nicht länger auf Reproduktion von "Nationalkultur" zu reduzieren, sondern eine neue Bezeichnung dafür zu finden. Aber was ist es, das nationalstaatliche Schulen ihren SchülerInnen vermitteln wollen? Der Co-Autor Gerd Baumann plädiert für den Begriff der "civil culture". "Civil culture" bietet eine Kategorie, die sich auf kulturelle Lebenswelten von einheimischen BürgerInnen ebenso bezieht wie auf jene der Zugewanderten. Betont wird dabei das "wie" im Gegensatz zu "wer" im Bezug auf politische Partizipation und Identifikation. Die "civil culture", so Baumann, vereinigt alle drei Elemente des Dreiecks von Kultur, nämlich Zivilgesellschaft ("civil society"), gesellschaftliche Kultur ("civic culture") und das mehrheitliche Nationalgefühl ("dominant national imaginary"), das in allen Zusammenhängen unabhängig vom nationalen oder bürgerlichen Status der AkteurInnen beobachtet werden kann.

Was mir an dem Buch gefallen/missfallen hat:

Es handelt sich um eine empirische Studie. Über den Zeitraum von einem Jahr haben die WissenschafterInnen am Schulgeschehen teilgenommen und Interviews mit den SchülerInnen sowie mit den LehrerInnen geführt. Derartige qualitative, tiefgehende Studien sind äußerst selten.

Der Vergleich zwischen den vier Ländern Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden gibt Aufschluss über die unterschiedlichen politischen Systeme und deren Auswirkungen auf das Bildungssystem.

Aufgelockert wird der teils wissenschaftliche Diskurs durch zahlreiche Interviewzitate, die den Text anschaulich und verständlich machen. Die thematische Aufteilung sowie die länderspezifische Gliederung erlaubt, sich auf ein paar Themenschwerpunkte bzw. auch nur auf ein Land zu konzentrieren.

Auf die Gender-Thematik wird nicht speziell eingegangen, sie zieht sich durch manche Themenbereiche wie ein roter Faden, wird jedoch nirgends explizit erwähnt.

Auf Österreich ist übertragbar:

Die Situation an deutschen Schulen zeigt viele Ähnlichkeiten mit jener an Schulen in Österreich. Von Einwanderinnen und Einwanderern wird kulturelle Assimilation gefordert. Diese ist allerdings, abgesehen davon, dass sie m.E. nicht wünschenswert ist, insofern gar nicht möglich, weil sich Deutsche wie ÖsterreicherInnen als kulturell-historische Abstammungsgemeinschaft definieren. Somit werden andere Kulturen nachhaltig als different konstruiert, was wenig Verhandlungsspielraum bietet. Abgrenzungen stehen in der Selbstzuschreibung und Identität oft mehr im Vordergrund als Zugehörigkeiten.

Das Fehlen von Integrations-Politik und Strategien ist auch in Österreich zu bemerken. Ebenso ist Österreich nach wie vor mit dem Diskurs über die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus konfrontiert, der in positiver und negativer Hinsicht Auswirkungen auf den Umgang mit Menschen anderer Herkunft zeigt.

Eine weitere Besonderheit stellt der in Deutschland weit verbreitete römisch-katholische Religionsunterricht dar, der als Wertevermittlung an den Schulen dient. Diese Form der schulisch institutionalisierten christlich orientierten Werte- und Moralvermittlung gibt es in keinem anderen der untersuchten Länder, jedoch in Österreich sehr wohl.

Die Aussagen der SchülerInnen in Deutschland im Kapitel "Auffassungen von kultureller Differenz" erinnern an Aussagen und Haltungen, die in Österreich getätigt bzw. vertreten werden. Andere Kulturen wurden als kollektive "Mentalitäten" wahrgenommen, die in der Familiensozialisation hergestellt würden. Der kulturelle Hintergrund der Eltern wurde in erster Linie als defizitär beschrieben (weniger wohlhabend, weniger stabil, nicht so liberal etc.). In diesem Kapitel kommt der Gender-Aspekt besonders zum Tragen. Gerade bei diesem Thema scheint die Differenz zwischen Mädchen mit deutschen Hintergrund und Mädchen aus Migrationsverhältnissen besonders groß. Hier werden Themen diskutiert, die bei Jugendlichen eine Rolle spielen, etwa Sexualität, Ausgehen, Kopftuch tragen, Umgang mit Religion, Freunde und Freundinnen etc. Die Grenze wurde pauschal zwischen "den Deutschen" und "den AusländerInnen" gezogen. Speziell Mädchen aus Migrationsverhältnissen wurden bei diesen Themen als "anders" dargestellt. Das Geschlechterverhältnis wurde als Essenz der kulturellen Unterschiede schlechthin betrachtet. Dadurch wurden vor allem die Mädchen oft in eine Rechtfertigungsposition gedrängt, da die Vorstellungen mit abschätziger Beurteilung von AusländerInnen einhergehen.

Was für LehrerInnen besonders interessant ist:

Die Lektüre bietet Einblick in die politische Sozialisation. Dies trägt dazu bei, die eigene Haltung reflektieren zu können und in weiterer Folge das Verhalten von Jugendlichen besser verstehen zu können. Gerade im Bezug auf Konfliktbereiche in der Schule, die im Zusammenhang mit SchülerInnen aus Migrationsverhältnissen entstehen können, wirken manche Aussagen der SchülerInnen in diesem Buch erhellend.

Anmerkungen:

(1) Unter Enkulturation versteht man den Teil des Sozialisationsprozesses, der das unmerkliche Hereinwachsen in die jeweilige eigene Kultur vom zunächst neutralen und kulturfreien Neugeborenen bis hin zum kulturell integrierten Erwachsenen bewirkt. [aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Enkulturation]

(2) Das Wort Konsistenz kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Bestand, Zusammenhalt, Geschlossenheit und In-sich-Ruhen. [aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Konsistenz]

(3) Konvergenz (zu spätlateinisch convergere, sich hinneigen) bedeutet allgemein Annäherung (auch: das Zusammen-streben, das Aufeinanderzugehen, Ggs. Divergenz) oder Übereinstimmung (von Meinungen, Zielen, etc.). [aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Konvergenz]

Zur Rezensentin:
Dr.in Susanne Binder, geboren 1967 in Wien, Ethnologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Kommission für Sozialanthropologie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, externe Lektorin am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien zu den Themen Interkulturelle Bildung und Flüchtlingsforschung.


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