Publikationen - Rezensionen zu
Bildung und Migration - Ahmet Toprak


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Toprak Ahmet: "Wer sein Kind nicht schlägt, hat später das Nachsehen". Elterliche Gewaltanwendung in türkischen Migrantenfamilien und Konsequenzen für die Elternarbeit.
Centaurus Verlag, Herbolzheim 2004. 150 Seiten, ISBN 3-8255-0478-6, Preis: 19,10 €



Gewalttätigkeit wird häufig einer nichtmenschlichen, unzivilisierten, also "tierischen Natur" zugeschrieben und dadurch suggeriert, dass Zivilisation und sozialer Fortschritt mit dem Verschwinden von Gewalt bzw. zwischenmenschlichen Gewalttätigkeiten gekoppelt sind. Die vorliegende empirische Studie von Ahmet Toprak untersucht vorwiegend die Formen und Ursachen der elterlichen Gewaltanwendung gegenüber Kindern/Jugendlichen in traditionellen türkischen Familien, die in Deutschland leben.

Nicht nur die Eindringlichkeit der Beschreibungen von Gewaltformen - physische und psychische - wirkt auf die Leserin beklemmend, sondern auch das Aufzeigen der sozialen und psychischen Mechanismen, die Gewaltbereitschaft hervorbringen: Dazu zählen existenzielle Ängste der Eltern in der Fremde, die sich oft als Anpassungsschwierigkeiten an die eigene Umwelt herausstellen, und auch die Angst vor Verlust der eigenen Identität. Diese Faktoren führen einerseits zur Festigung eigener Autorität innerhalb der Familie, insbesondere in der "Fremde", andererseits erweist sich die Diskrepanz zwischen den elterlichen Zukunftsvorstellungen für die eigenen Kinder/Jugendlichen und den eigenen Wünschen der Kinder/Jugendlichen als das größte, unüberbrückbare Hindernis innerhalb der Familie. Der Autor zeigt, dass das türkische Familiensystem, das seine Analogie autoritäre Strukturen betreffend auch in der türkischen Gesellschaft hat, sowohl über Regeln zu seiner Kontrolle verfügt, z.B. über Regeln, die die Anpassung der Kinder an das System gewährleisten, als auch über Regeln zu seiner Durchsetzung wie z.B. strenge geschlechtsspezifische Trennung der Erziehungsziele und -methoden für Burschen und Mädchen. Der angenommenen Verschiedenartigkeit der körperlichen, geistigen und seelischen Anlagen der Geschlechter und damit ihrer Rollen wegen, werden Mädchen und Jungen schon früh unterschiedlich und in Hinblick auf ihre jeweiligen späteren Aufgaben erzogen. Die Eltern - meistens die Väter - geben die Maßstäbe vor, an denen sich die Kinder zu orientieren haben. Sie sehen sich durch langjährige Lebenserfahrung und durch ihre Fähigkeit zur Aufrechthaltung der familiären Struktur dazu befugt. Diese Einstellung ermächtigt die Eltern auch zur Bestimmung bzw. Festlegung aller Entscheidungen in Bezug auf die künftige Bildungs- und Berufswahl sowie überhaupt auf die Lebensweise der Kinder/Jugendlichen.

Aufgrund mangelnder Ausbildung und der daraus resultierenden verbalen Ausdrucksunfähigkeit der Eltern wird, nach Ansicht des Autors, nicht nur die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern/Jugendlichen erschwert, vielmehr wird genau an diesem Punkt der Grund für die Gewaltanwendung seitens der Eltern - vom Autor als "primäre und sekundäre Bestrafungsrituale" bezeichnet - verortet. Die Kommunikationsschwierigen werden in der Interaktion zwischen Eltern und LehrerInnen bzw. ErzieherInnen zusätzlich durch die mangelnden Deutschkenntnisse der Eltern verstärkt. Darüber hinaus sind die Erziehungsziele der türkischen Eltern im Vergleich zu den deutschen oder mitteleuropäischen Erziehungszielen rückschrittlich, konservativ und dienen nur zur Traditionspflege - so die Rückschlüsse des Autors. Sein abschließendes Resümee über Differenzen und mögliche Konsequenzen für die künftige Elternarbeit sind plausibel und lassen einige Hoffnungen auf eine Verbesserung in der Zukunft aufkommen.

Der strukturfunktionale Erklärungsansatz des Autors, der die elterliche Gewalttätigkeit zugleich als Phänomen dysfunktionaler sozialer und politischer Bedingungen interpretiert, lässt eine ausführliche Analyse des begrifflichen Inhalts des Gewaltbegriffs teilweise außer Acht. Die Komplexität des Gewaltproblems kann von der empirischen Forschung nicht umfangreich erfasst werden, weil diese ja gerade um eindeutiger Ergebnisse willen und aufgrund methodischer Erfordernisse die Komplexität bis aufs äußerste (psychische Gewalt) reduzieren muss. Dies mag der Grund dafür sein - wie der Autor betont -, dass ein Gespräch über "Gewalt" mit den Elternteilen sich sehr bedenklich und äußerst schwierig gestaltet. Denn eine Gewaltanwendung in Form von Schlägen wird seitens der Eltern in erster Linie als notwendige disziplinäre Maßnahme für eine gute Erziehung erachtet und somit ist die Gewaltanwendung nach wie vor eine reine private Angelegenheit. Eine, um die vielfältigen psychischen Dimensionen erweiterte Klärung des Gewaltbegriffs würde zur Einsicht verhelfen, dass jede, auch minimal erlittene Gewalt sich in habitualisierten Verhaltensformen über Generationen hinweg weiter reproduziert.

Zur Rezensentin:
Mag.a Jale Akcil studierte Lehramt Geschichte und Geographie an der Universität Wien. Sie arbeitet derzeit an ihrem Dissertationsprojekt "Weibliche Ehre in der türkischen Gesellschaft".


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