Publikationen - Rezensionen zu
Bildung und Migration - Martina Weber


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Weber Martina: Heterogenität im Schulalltag. Konstruktion ethnischer und geschlechtlicher Unterschiede. Leske + Budrich, Opladen 2003. 311 Seiten, ISBN 3-8100-3772-9, Preis: 40,10 €


Kurzbeschreibung des Inhalts:

In ihrer veröffentlichten Dissertation beschäftigt sich Martina Weber mit der bisher wenig erforschten Fragestellung bildungserfolgreicher "türkischer" Schülerinnen in Deutschland. Ihr Hintergrund ist einer der pädagogischen Praxis: Sie arbeitete 12 Jahre im Projekt "Interkulturelle Schülerinneninitiative", in dem allochthone Mädchen (mit dem Schwerpunkt gymnasiale Oberstufe) schulbegleitend gefördert werden.

Zu den nachfolgend öfter verwendeten Begrifflichkeiten: "Türkische" Schülerinnen wird unter "" gesetzt, um aufzuzeigen, dass mit der Bezeichnung "türkisch" wieder Zuschreibungen verbunden sind. Allochthon und autochthon sind Begriffe, die aus den Niederlanden kommen und - grob vereinfacht - Bevölkerungsgruppen bezeichnen, die bzw. deren Vorfahren in ein Land eingewandert sind (allochthon) bzw. bereits über längere Zeit in einem Land leben (autochthon).

Für ihre Dissertation interviewte die Autorin in vier deutschen Großstädten fünf "türkische" Schülerinnen, alle Lehrkräfte der Schülerinnen, beobachtete den Unterricht und interviewte die OberstufenkoordinatorInnen der jeweiligen Schule.

Fragen, die sie interessierten, waren (S. 10):

  • Welche Bilder über "türkische" Mädchen und Frauen bringen Lehrkräfte zum Ausdruck?

  • Haben LehrerInnen bestimmte schulische Leistungserwartungen an "türkische" Schülerinnen?

  • Welche sozialen Positionen der AkteurInnen sind in herkunfts- und geschlechtsbezogenen Zuschreibungen erkennbar?

  • Welche sozialen Hierarchien kommen in herkunfts- und geschlechtsbezogenen Zuschreibungen zum Ausdruck?

Das Buch liest sich sehr spannend.

  • Gibt es doch durch sehr ausführliche Schulporträts einen Einblick in höchst unterschiedliche "Schulkulturen" (Schulklima, kulturelle Vielfalt, Schulerfolg allochthoner SchülerInnen). Die Autorin geht dabei von der Vermutung aus, "dass sich zwar der vergeschlechtlichte Ethnisierungsdiskurs auf Sichtweisen von LehrerInnen auf 'türkische' SchülerInnen auswirkt, diese gleichzeitig aber auch von besonderen Bedingungen der Schule und der jeweiligen Schulform beeinflusst werden und von Diskussionsprozessen innerhalb des Kollegiums" [S. 83]. So schreibt Martina Weber bzgl. einer Schule, "dass die kulturelle Vielfalt der SchülerInnenschaft wenig Aufmerksamkeit findet. Die Perspektive auf allochthone SchülerInnen ist von einer latenten Defizitsicht bestimmt, die unbemerkt bleibt". [S. 107]

  • Die ausführlich zitierten LehrerInnen-Interviews zeigen auf, welche Geschlechterbilder (in Bezug auf Weiblichkeiten, Männlichkeit, Geschlechterbeziehungen und Religionszugehörigkeit) die Lehrpersonen haben. Daneben geht die Autorin auch auf Kapitalarten (kulturelles, soziales, ökonomisches, symbolisches) nach Pierre Bourdieu und den Kapitalressourcen "türkischer" Familien aus LehrerInnensicht ein.
  • Die Interviews mit den Schülerinnen verdeutlichen, dass die "türkischen" Mädchen nicht nur "Leidtragende" einer diskriminierenden Gesellschaft sind, sondern auch handelnde Subjekte, die mit den Erwartungen / Vorurteilen, die an sie herangetragen werden, umgehen (auch hier ist die Bandbreite - wie zu erwarten - recht groß).
  • Zwei längere Unterrichtsbeispiele (eine Unterrichtseinheit zum Thema "Die Deutschen und ihre Ausländer" sowie ein Referat über den Roman "Effi Briest") zeigen sehr anschaulich wie offensichtliche und versteckte Diskriminierung im Unterricht erfolgen kann. Das Lesen des ersten Beispiels war mir fast unerträglich und frau wundert sich, wie begeistert der Lehrer selbst von seinem Unterricht erzählte. Scheinbar musste er in keinster Weise befürchten durch seine AusländerInnenfeindlichkeit an der Schule zur Rede gestellt zu werden.

Als Feministin hat mich dieses Buch sehr angesprochen, weil es Geschlecht mit Ethnizität und sozialer Klasse verschränkt, Mängel der feministischen Forschung anschneidet und Mädchen in den Mittelpunkt stellt. Außerdem bringt es scheinbar Selbstverständliches (wie die These des Kulturkonflikts "türkischer" Mädchen) ins Wanken.

Ich möchte dieses Buch allen LehrerInnen und DirektorInnen empfehlen, die bereit sind sich mit der Situation allochthoner Schülerinnen (und Schüler) an ihrer Schule und der eigenen Beteiligung auseinander zu setzen. Auch wenn die interviewten LehrerInnen oft für ihre Sichtweisen kritisiert werden, soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Überforderung der LehrerInnen ebenso thematisiert wird wie positive Beispiele hervor gehoben werden (z.B. ein Lehrer, der in die Philosophiestunde einen Sachverständigen zum Thema "islamic banking" eingeladen hat). Auf S. 40 finden sich fünf interessante Fragen, die in jedem Kollegium gestellt werden sollten:

  • Wird der Zugang ethnischer Minderheiten zu oder die Partizipation an der gymnasialen Oberstufe als Problem dargestellt?
  • Werden an SchülerInnen ethnischer Minderheiten lebensweltliche, insbesondere familiäre Besonderheiten markiert und in einen Zusammenhang mit Lernleistungen dieser SchülerInnen gebracht?
  • Werden Gruppenbildungen von SchülerInnen als ethnisch wahrgenommen? Wenn ja, wie werden diese erklärt?
  • Sind in der Schulkultur ethnische Markierungen von SchülerInnen bedeutsam? Wird in Konfliktlagen auf ethnische Herkunft verwiesen?
  • Spielen in der Beurteilung der Bedeutung von Schulkarrieren ethnische Indikatoren eine Rolle?

Ich würde mir eine Fortsetzung des Buches wünschen, die noch stärker darauf eingeht, was Schule / was LehrerInnen dazu beitragen können, dass allochthone SchülerInnen gleiche Bildungschancen haben wie autochthone - ohne dass damit Assimilation verbunden ist. Oder mit anderen Worten: Was getan werden muss, damit die Kapitalressourcen aller SchülerInnen zu tragen kommen.

Ich möchte mit ein paar Zitaten enden, die ich sehr anregend finde:

"In einem zusammenfassenden Vergleich dieser vier Schulen kann als Fazit konstatiert werden, dass die Betonung ethnischer Herkunft von SchülerInnen zu einer Dramatisierung kultureller Differenzen führen kann und damit zu einer Ethnisierung pädagogischer Differenzen, aus der eine Diskriminierung und Bildungsbenachteiligung allochthoner SchülerInnen resultiert. Werden ethnische Herkunft und kulturelle Differenzen hingegen gar nicht zur Kenntnis genommen, kann dies in stillschweigende Assimilationsforderungen münden und strukturelle Benachteiligung verdunkeln." [S. 117]

Dieses Zitat erinnert mich sehr an folgende zwei:

"Differenz ohne Gleichheit bedeutet gesellschaftliche Hierarchie, kulturelle Entwertung, ökonomisch Ausbeutung. Gleichheit ohne Differenz bedeutet Assimilation, Anpassung, Gleichschaltung, Ausgrenzung von Anderen." [Prengel Annedore: Pädagogik der Vielfalt. Verschiedenheit und Gleichberechtigung in interkultureller, feministischer und integrativer Pädagogik. Opladen 21995, S. 184] "Wird die Differenz betont, um Ungleichheiten zu legitimieren, gilt es, sie zurückzuweisen und auf Gleichheit zu beharren. Und wird Gleichheit umstandslos behauptet, muss auf Differenz beharrt werden, weil sonst die realen Herrschaftsverhältnisse einschließlich ihrer historischen Konstruktionsprozesse verhüllt und verleugnet werden." [Albrecht-Heide zit. nach Nissen Ursula: Kindheit, Geschlecht und Raum. Wienheim/München 1998, S. 78]

"Der gesellschaftliche Konflikt, der aus den Herrschaftsverhältnissen der Dominanzgesellschaft resultiert, wird in dem vorherrschenden Diskurs nur in einen inner-ethnischen transformiert und auf die private Sphäre der Geschlechterbeziehungen reduziert." [S. 58]

"In den Beschreibungen mangelnder Bildungsvoraussetzungen 'türkischer' SchülerInnen wird deren ethnisch-kulturelle Herkunft bedeutsam gemacht. In der ethnisierenden Differenzierung von SchülerInnen werden diesen Eigenschaften zugeschrieben und Defizite festgestellt, die auf einem Normalitätskonstrukt beruhen, nach dem SchülerInnen der gymnasialen Oberstufe in ihrem Lebensumfeld ausschließlich Deutsch sprechen, in einer bürgerlichen Familie und dem entsprechenden Umfeld aufwachsen und eine monokulturelle westlich-christliche (Geschlechts-)Sozialisation erfahren." [S. 270]

Zur Rezensentin:
Mag.a Renate Tanzberger, Lehramtsstudium Mathematik und Geschichte, Mitarbeiterin und Obfrau des Vereins zur Erarbeitung feministischer Erziehungs- und Unterrichtsmodelle (EfEU).


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